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Gesellschaft | Weg der Versöhnung

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Tab 1
  • Christlich geht anders

    Wieselburg, am 11. August 2017

    Liebe Geschwister,

    in den letzten Monaten hat sich auf einer breiten Basis von christlichen Kirchen, Einzelpersönlichkeiten und Organisationen in Österreich eine Initiative „Christlich geht anders“ gebildet. Sie will darauf aufmerksam machen, dass

    • in den letzten Jahren steigender Reichtum eines kleinen Teiles der Bevölkerung auf der einen Seite und zunehmende Angst um Arbeitsplätze, Alters- und Krankenversorgung auf der anderen Seite wachsende Unsicherheit erzeugt hat,
    • zunehmend von rechtsextremen Personen und Parteien Gruppen wie „ die Flüchtlinge“ oder „die Muslime“ zu Sündenböcken erklärt werden, letztlich damit
    • Solidarität und Demokratie zunehmend ausgehöhlt und in Frage gestellt wird. Dagegen will die Initiative „Christlich geht anders“ aufzeigen, dass
    • christlicher Glaube Mut und Hoffnung macht,
    • es klar in Mtt 25,40 heißt: Was ihr für einen meinen geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan,
    • die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe gelebt wird durch den Einsatz für Mitmenschen und Gerechtigkeit in der Gesellschaft,
    • Frieden in einem Staat und zwischen Staaten nur durch ein fortlaufendes Bemühen um soziale Gerechtigkeit und Solidarität gesichert werden kann.

    Ein sehr guter ausführlicher Text zu den Grundsätzen der Initiative „Christlich geht anders“ - verfasst von Magdalena M. Holztrattner - wird demnächst im ALLIANZSPIEGEL veröffentlicht und hier als Beilage mitgesandt.
    Die Initiative fordert alle Christen und Christinnen, die sich mit den Zielen der Initiative identifizieren auf, sich an einer Unterschriften-Aktion zu beteiligen und damit diese Initiative politisch zu unterstützen.

    Bitte das Grundsatzstatement von „Christlich geht anders - Solidarische Antworten auf die soziale Frage“ unterschreiben bei: http://www.christlichgehtanders.at/unterschreiben/

    Weiters können bei der Koordinierungsstelle der Initiative M: +43-650-400 57 51; T: +43-1-310 51 59 – 97 oder gabriele.kienesberger@ksoe.at die in den Beilagen 2 und 3 gezeigten Folder A6 und Karton-Flyer-Türanhänger als Werbemittel für die Initiative unter Angabe des Bestellers/der Bestellerin, der Adresse und der Rechnungsadresse bezogen werden.


    BITTE macht Werbung für diese Initiative – wir Christen dürfen gerade in diesen Zeiten des Umbruches in unserer Gesellschaft keine stummen Zuschauer und damit stille Ja-Sager zu allem dem sein, was sich um uns abspielt. Es ist unser Auftrag, mit der Botschaft Jesu Mut und Hoffnung zu verbreiten!

    Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen
    Euer Hans-Peter Lang (Forum Gesellschaftsverantwortung


    Christlich geht anders


    Solidarische Antworten auf die soziale Frage


    Neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte hat bei vielen Menschen Zukunftsangst provoziert. Einerseits steigender Reichtum, andererseits zunehmende prekäre Beschäftigungsverhältnisse, bedrohte staatliche Absicherung bei Armut und Krankheit, sowie Abstiegsängste erzeugen wachsende Unsicherheit in der Bevölkerung. Hoffnungslosigkeit und Wut steigen bei immer mehr Menschen, die sich um ihre Chancen und die ihrer Kinder gebracht fühlen. In Europa sind politische Parteien und Bewegungen des rechten bzw. rechtsextremen Spektrums im Vormarsch, welche diese Gefühle gezielt ansprechen und verstärken. „Die“ Flüchtlinge oder „die“ Muslime werden zu „Sündenböcken“ erklärt und dadurch zur Zielscheibe diffuser Ängste und Wut. Solidarität und Demokratie werden zunehmend abgewertet, ausgehöhlt und durch scheinbar einfache Lösungen ersetzt.

    Für sozialen Zusammenhalt ...
    In unserer Gesellschaft und in unseren christlichen Gemeinschaften muss der soziale Grundwasserspiegel wieder steigen. Die ökumenische Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“ hat zum Ziel, das Bewusstsein für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft und für organisierte Solidarität in Form eines gut ausgebauten Sozialstaates zu stärken. Auf dem Spiel steht der menschenrechtliche Grundkonsens, der gleichzeitig ein Kristallisationspunkt der christlichen Botschaft ist: Alle Menschen haben die gleiche Würde! Die Glaubwürdigkeit von ChristInnen wird daran gemessen, wie sie sich zu Armgemachten und Fremden stellen (vgl. Mt. 25,40). Die alte jüdisch-christliche Frage nach Gerechtigkeit und Frieden ist heute eine Frage von Zugang zu und Verteilung von Gütern und Chancen.

    … und für den Sozialstaat
    „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“ zielt auf eine soziale Erneuerung ab. Es geht uns allen besser, wenn wir uns am Gemeinwohl und am Anderen orientieren und solidarische Lösungen anstreben: eine gerechte Verteilung von Einkommen, gerechte Steuern, eine Gesellschaft, in der Pluralität geschätzt wird und ein Sozialstaat, der weiterhin dazu beiträgt, Armut zu vermeiden. So das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich: „Die Kirchen treten ein für eine den heutigen Herausforderungen entsprechende Weiterentwicklung des Sozialstaates und deshalb für eine breite Diskussion aller gesellschaftlichen Kräfte darüber, wie eine grundlegende sozialpolitische Absicherung für alle eingerichtet werde kann“ (Nr. 225/2003)
    Gefordert ist eine Rückbesinnung von politischen AkteurInnen, die uns WählerInnen oftmals mit Ausweichmanövern beschäftigen. Denn: Wussten Sie, dass in Österreich gleich viele Millionäre leben wie AsylwerberInnen? Wussten Sie auch, dass die Ausgaben für die Mindestsicherung nur ca. 0,8% aller Sozialstaatsausgaben in Österreich ausmachen? Das Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, spricht eher die Botschaft: „Wir kümmern uns um Eure Probleme – geht es Euch nicht gut, dann sorgen wir dafür, dass es auch Anderen nicht gut geht“. Ablenkungs- und Täuschungsmanöver seitens politischer AkteurInnen bestimmen die Auseinandersetzungen: zentrale humanitäre und christliche Werte werden zunehmend ausgehöhlt.

    In die Politik einmischen
    Heute braucht es mehr denn je ChristInnen, die sich in ihren Handlungsbereichen dafür einsetzen, dass Nächstenliebe in einem starken Sozialstaat strukturell verankert bleibt; dass wir als ChristInnen die Sehnsucht nach dem guten Leben für alle auch in die Politik hineintragen.
    Die ökumenische Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“, die aus den christlichen Kirchen kommt, aber darüber hinausgehen soll, hat die soziale Erneuerung der Herzen, des Denkens, des Redens und des Tuns in Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zum Ziel.

    Es braucht mutige Menschen
    Dafür braucht es engagierte BürgerInnen – gerade auch ChristInnen – die auf solidarische Lösungen, einen aktiven Sozialstaat, gerechte Steuerpolitik und damit auf menschenwürdige Lösungen für die soziale Frage von heute pochen. Es braucht mutige Menschen, die aufklären und auf rote Linien im politischen Gespräch und in den politischen Entscheidungen aufmerksam machen – wenn es darum geht, die Würde von Menschen zu schützen.
    Auch wenn nicht alle Lösungen schon zur Hand sind: Es braucht den Dialog und den Willen, gemeinsam danach zu streben, dass ein gutes Leben für alle Realität wird.

    Magdalena M. Holztrattner
    Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe). Theologin, Organisationsberaterin, Erwachsenenbildnerin, Armutsforscherin

  • 15 Jahre Sonntags-Allianz: „Lebe einmal! Dann leiste.“ (Bischof Alois Schwarz)
    Festakt „15 Jahre Allianz für den freien Sonntag Österreich“ – Brantner (ÖGB): Auch in Zukunft solidarisch für den freien Sonntag eintreten.


    Am 24.10.2016, 11- 13 Uhr, fand der Festakt „15 Jahre Allianz für den freien Sonntag Österreich“ in Erzbischöflichen Palais in Salzburg statt, bei dem die Bedeutung des arbeitsfreien Sonntags für Mensch und Gesellschaft hervorgehoben wurde. Von 14-16.00 Uhr wurde die Vollversammlung der Allianz für den freien Sonntag Österreich, einem breiten gesellschaftlichen Bündnis von über 50 Organisationen, abgehalten.

    Franz Georg Brantner, der gewerkschaftliche Sprecher der Allianz für den freien Sonntag Österreich, erinnerte daran, dass in den letzten 15 Jahren seit Gründung der Allianz kein Jahr vergangen sei, in dem es keine Angriffe auf den arbeitsfreien Sonntag gegeben habe. Er brachte auch Highlights wie die Gründung der Europäischen Sonntagsallianz oder an eine Urabstimmung unter Handelsangestellten, die gezeigt habe, dass über 90% nicht bereit sind, am Sonntag zu arbeiten, in Erinnerung. Brantner: „Auch in Zukunft müssen wir solidarisch und in derselben Quantität und Qualität wie bisher für den arbeitsfreien Sonntag engagiert sein.“

    Bischof Alois Schwarz, der kirchliche Sprecher der Allianz für den freien Sonntag Österreich (und in der röm-kath. Bischofskonferenz für die Themen Wirtschaft, Soziales, Landwirtschaft und Umwelt zuständig), widersprach in seiner Festrede einem bekannten Werbeslogan und forderte dazu auf, diesen wie folgt umzudrehen: „Geht´s den Menschen gut, geht´s der Wirtschaft gut“. Der Sonntag sei, so Schwarz ein „Protest gegen die Versklavung des Menschen“ und gegen die „Ausbeutung der Schöpfung“, die am 7. Tag vollendet worden sei. Bereits in den Büchern Mose sei mit dem Sabbatgesetz „eine neue Gesellschafts-Ordnung“ etabliert worden. Die Botschaft des arbeitsfreien Sonntag laute „Lebe einmal! Dann leiste.“ Schwarz zur Idee des freien Sonntags: „Wir dürfen da sein, uns ausruhen.“ Der Sonntag bedeute dabei nicht bloß ein „frei von“, sondern vor allem ein „frei für – frei für die Menschen“.

    Schwarz erinnerte daran, dass auch Papst Franziskus ein „leidenschaftlicher Befürworter“ des freien Sonntags sei. Schwarz zitierte auch den Hirtenbrief der österreichischen katholischen Bischöfe von 2001, in dem die Bischöfe „Klartext sprechen“ und ein „klares Muss“ formulieren: Sonn- und Feiertage müssen demnach garantiert werden und sind keine bloße Soll-Bestimmung.

    Hannes Kreller (KAB Deutschland und Deutsche Sonntagsallianz) betonte in seinem Statement, dass die österreichische Sonntagsallianz die „Blaupause“ für die deutsche Allianz für den freien Sonntag gewesen sei. Heute seien über 100 Regionalgruppen in Deutschland aktiv, die laufend und erfolgreich Widerstand gegen „verkaufsoffene Sonntage“ leisten. Jüngst konnte anlässlich der Frankfurter Buchmesse beabsichtigten „verkaufsoffenen Sonntagen“ Einhalt geboten werden. Grundlage dafür sei ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das von den Kirchen in Deutschland erwirkt worden war. In diesem werde festgestellt, dass der freie Sonntag mehr wiegt als bloße Umsatz- und Konsuminteressen. Kreller warnte davor, den freien Sonntag lediglich im Zusammenhang mit den Ladenöffnungszeiten zu diskutieren. Erwerbsarbeit und auch Freizeit verändern sich momentan massiv. Nicht nur infolge der Digitalisierung (Stichwort crowd work etc.) passiere eine beispiellose Entgrenzung von Arbeit und Freizeit.

    Bischof em. Maximilian Aichern (früherer Sozialbischof der römisch-kath. Kirche), auf dessen Initiative zunächst eine Allianz für den freien Sonntag in Oberösterreich entstanden war und dann auf Österreich-Ebene, erinnerte daran, dass der freie Sonntag „das älteste Sozialgesetz der Welt“ sei. Die Allianz für den freien Sonntag habe stets den Dialog auf den verschiedenen Ebenen gesucht – von der Länderebene bis hinauf zur EU-Ebene. Er erinnerte an Gespräch mit Jacques Delors, Jacques Santer oder Romani Prodi in seiner Amtszeit. Von Seiten der SozialministerInnen in Österreich hätte es immer Gehör für das Anliegen des freien Sonntags gegeben – leider immer mehr als bei den Wirtschaftsministern. Der Allianz für den freien Sonntag Österreich wünschte Aichern: „dass ihr mit derselben Kraft weiterarbeitet als bisher“.

    Beim Festakt kamen auch VertreterInnen der 2015 bzw. 2016 neu gegründeten Länder-Allianzen für den freien Sonntag in Tirol und Vorarlberg und die Wiener Sonntagsallianz zu Wort. In Salzburg habe laut Michael Huber (GPA-djp) eine Umfrage unter den Handelsangestellten gezeigt, dass selbst 75% derjenigen, die bereits am Sonntag im Handel wegen Tourismusregelungen arbeiten müssen, Sonntagsarbeit ablehnen. Zu 80% werde als Grund das Familienleben angeführt, das zu kurz komme. Philipp Kuhlmann (Katholische ArbeitnehmerInnen Bewegung) betonte, dass das heiß diskutierte Thema Tourismuszonen in Wien deshalb so bedeutend sei, weil Tourismuszonen im städtischen Gebiet schwer zu definieren seien. Niemandem sei erklärbar, warum im Falle der Etablierung von solchen Zonen, die eine Straßenseite am Sonntag die Geschäfte offen haben kann und die andere nicht, so der Sprecher der Wiener Sonntagsallianz Kuhlmann.

    Am Festakt „15 Jahre Allianz für den freien Sonntag Österreich“ nahmen u.a. hochrangige VertreterInnen aus den Bereichen Kirchen, ArbeitnehmerInnen-Vertretungen und Zivilgesellschaft teil: Erzbischof Franz Lackner (Salzburg), Bischof Alois Schwarz (Kärnten), Bischof Andrej (serbisch-orthodoxe Kirche Österreich-Schweiz-Italien-Malta), Superintendent Olivier Dantine (Salzburg), Superintendent Hansjörg Lein (Wien), Franz Georg Brantner (ÖGB), Günther Trausznitz (FCG GPA-djp), Oliver Jonischkeit (GLB, Gewerkschaftlicher Linksblock), Sabine Eiblmaier (Zentral­betriebsrats­vorsitzende Interspar), Bischof em. Maximilian Aichern, Bischof em. Ludwig Schwarz, Friedrich Macher (Unternehmer), Elisabeth Maier (Katholische Aktion Salzburg), Veronika Pernsteiner (Kath. Frauenbewegung Österrreichs), Magdalena Holztrattner (Kath. Sozialakademie Österreichs), Abtpräses Christian Haidinger (Ordensgemeinschaften Österreich) uvam.

    Im Rahmen der Vollversammlung der Allianz für den freien Sonntag Österreich wurde die Katholische Frauenbewegung Österreichs – die mitgliederstärkste Frauenorganisation in Österreich – als neues Mitglied aufgenommen. Vorsitzende Veronika Pernsteiner betonte, dass besonders Frauen im Handel beschäftigt seien und daher von Öffnungszeiten am Sonntag betroffen wären.

    Die Allianz für den freien Sonntag Österreich wurde 2001 gegründet und setzt sich für gemeinsame freie Zeiten und damit für mehr Zeitwohlstand und Lebensqualität in der Gesellschaft ein. Dem breiten Bündnis gehören über 50 Organisationen an: aus dem Familien-, Kinder- und Jugendbereich, zivilgesellschaftliche Vereine und Freiwilligenorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften.



    Rückfragehinweis für die Medien und Fotos:
    Öffentlichkeitsarbeit Allianz für den freien Sonntag Österreich
    Markus Blümel, kommunikation@ksoe.at, 01-310 51 59 DW 70

    Allianz für den freien Sonntag Österreich
    c/o Katholische Sozialakademie Österreichs
    A-1010 Wien, Schottenring 35/DG
    www.freiersonntag.at
    www.europeansundayalliance.eu
    https://www.facebook.com/arbeitsfreier.Sonntag
  • Wachsende soziale Ungleichheit gefährdet freien Sonntag
    Frühjahrs-Vollversammlung der Allianz für den freien Sonntag Österreich – Chronobiologe Moser: Soziale Woche mit sieben Tagen so wichtig wie Tagesrhythmus.


    Die Frühjahrsvollversammlung der Allianz für den freien Sonntag Österreich am 5.4.2016 befasste sich schwerpunktmäßig mit Entwicklungen in den Bereichen „Crowd Work“ und Chronobiologie. „Die rasant anwachsende soziale Ungleichheit gefährdet auch den freien Sonntag“, sagte Doris Lutz im Rahmen ihres Referates (Arbeiterkammer Wien, Abt Sozialpolitik). „Das Vermögen der reichsten 62 Personen auf der Welt – und damit leistungslose Einkommen - sind in nur fünf Jahren um 44% gewachsen“, erinnert Lutz an die jüngst erschienene Oxfam-Studie1 „Was nach ganz oben gegeben wird, wird unten genommen: von den Erwerbseinkommen, von der sozialen Sicherheit und von der freien Zeit.“

    Lutz: „Die Auswirkungen dieser dramatischen Entwicklung spüren sowohl ArbeitnehmerInnen als auch UnternehmerInnen. Ein Blick auf Solo-Selbstständige (allein tätige Selbstständige) in Deutschland2 zeigt: Ein Drittel hat lediglich ein Einkommen, das dem von ArbeitnehmerInnen im Niedriglohnsektor entspricht. In Österreich3 sind 13,8% armutsgefährdet (versus 7,8% der ArbeitnehmerInnen). Solo-Selbstständige arbeiten durchschnittlich 48,6h pro Woche. Dass das nicht ohne Sonntagsarbeit geht, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Entsprechende EU-Pläne, Solo-Selbständigkeit im großen Stil zu forcieren, verfolgen wir daher kritisch“.

    „Das Phänomen `Crowd Work´, was bedeutet, dass Tätigkeiten in kleine Aufgaben zerteilt und über Plattformen ausgeschrieben werden, zeigt, dass Arbeit massiv bedroht ist“, so der Sprecher der Allianz für den freien Sonntag Österreich Franz Georg Brantner. „Wir fühlen uns an das 19. Jahrhundert erinnert, als Arbeit gänzlich ungeschützt und freie Zeit ein unerreichbarer Luxus derjenigen war, die über Kapital verfügten.“

    Der Grazer Chronobiologe Maximilian Moser (Universität Graz) erinnerte bei der Vollversammlung der Allianz für den freien Sonntag Österreich daran, dass der Tagesrhythmus des Menschen bereits gut erforscht sei. So wisse man, dass Schichtarbeit eine „circadiane Störung“ sei, die das Krebsrisiko erhöht. 2009 mussten in Dänemark bereits die ersten Kompensationszahlungen an Frauen, die Nachtschicht verrichtet hatten und an Brustkrebs erkrankt waren, gezahlt werden.

    Entsprechende Erkenntnisse betreffend den Wochenrhythmus stehen laut Moser noch aus. Die „soziale Woche mit sieben Tagen“ diene aber der „Wiederfindung des Organismus“, so Moser. Sie mache „absolut Sinn“ und sei „genauso wichtig wie der Tagesrhythmus“. Moser an die Allianz für den freien Sonntag Österreich: „Ihr Engagement ist für die Gesundheit des Menschen von größter Bedeutung“.

    Bei der diesjährigen Frühjahrs-Vollversammlung wurde die „Fraktion Christlicher GewerkschafterInnen in der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier“ als neues Mitglied aufgenommen. Für 14. April 2016 wurde in Innsbruck die Gründung einer weiteren Bundesländerallianz, der Allianz für den freien Sonntag Tirol – angekündigt. Erst im Vorjahr war die Allianz für den freien Sonntag Salzburg gegründet worden.

    Die Allianz für den freien Sonntag Österreich setzt sich für gemeinsame freie Zeiten und damit für mehr Zeitwohlstand und Lebensqualität in der Gesellschaft ein. Dem breiten Bündnis gehören über 50 Organisationen an: aus dem Kinder- und Jugendbereich, zivilgesellschaftliche Vereine und Freiwilligenorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften.



    1https://www.oxfam.de/system/files/20160118-wirtschaftssystem-superreiche.pdf Zugriff am 5.4.2016

    2https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.415654.de/13-7.pdf Zugriff am 5.4.2016

    3https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/1/2/9/CH3434/CMS1453735536682/focus_1_epu-grundlagenforschung_endbericht_final.pdf Zugriff am 5.4.2016

  • Die große Herausforderung: „Europa, wenn du nicht teilst, wirst du sterben“

    „Europa, wenn du nicht teilst, wirst du sterben“



    Im Jahr 1981 gab es in Straßburg ein europäisches Treffen charismatischer Gruppen aus verschiedenen Kirchen. Damals wurde folgender prophetischer Eindruck allen Teilnehmern weitergegeben: „Europa, wenn du nicht teilst, wirst du sterben.“

    Viele christliche Kirchen haben in den letzten Jahren versucht, dieses Teilen in den Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas umzusetzen. Es wurde nicht nur unser Glaube weitergegeben, sondern auch versucht, bestmöglich gegen Armut und Unwissenheit mit geeigneten Hilfen anzukämpfen und mit Hilfe zur Selbsthilfe in den Ländern des Südens längerfristig bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

    Staatliche Entwicklungshilfegelder flossen allerdings in den letzten Jahren immer weniger, besonders in unserem Land, aber auch in vielen anderen europäischen Staaten. Die direkte und indirekte Interventionspolitik europäischer Länder in den an Bodenschätzen reichen afrikanischen Staaten wie im Kongo nahm kein Ende. Große Konzerne kauften und kaufen immer mehr große landwirtschaftlich günstige Flächen in vielen afrikanischen Ländern, begünstigt durch korrupte Politiker.

    Zunehmende Dürreperioden in Ländern der Sahelzone taten ein Übriges: Afrika blieb der arme Lazarus vor den Toren Europas. Die Folge: Immer mehr Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil sie dort nicht mehr ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können, wo ihre Vorfahren lebten. Bürgerkriege als Folge von Grenzziehungen aus der Kolonialzeit, politische Unruhen - nicht zuletzt als Folge sich verschlechternder Lebensverhältnisse - kommen hinzu.

    Viele dieser Menschen machen sich auf nach Europa, trotz aller Gefahren auf den Wegen durch die Sahara und auf den brüchigen Schiffen im Mittelmeer.

    Die Kriege und Bürgerkriege im Irak und in Syrien bringen nun eine zweite noch größere Flüchtlingswelle. Diktatoren wurden in Staaten wie im Irak gestürzt und sollen in Syrien gestürzt werden in der irrigen Meinung, es wäre möglich, dort sofort eine Demokratie einzuführen. Dabei wurden die großen inneren Spannungen unter- schätzt, die es in Bezug auf die Zugehörigkeit zu verschiedenen Volksgruppen und Religionen sowie zu verschiedenen Richtungen des Islam gibt. Chaos und Bürger- krieg gaben und geben in der Folge radikalen Gruppen Zulauf, deren Ziel es ist, alles auszuradieren, was sich aus ihrer Sicht dem Aufbau eines „reinen“ islamischen Staates entgegenstellt.

    Wer es finanziell und körperlich schafft, flieht. Zwei Millionen Syrer und Iraker leben inzwischen in Lagern in der Türkei als „Gäste“, eine Million im Libanon usw. Die europäischen Staaten haben diesen Ländern Hilfe versprochen, aber nur wenig davon gehalten. Der UNHCR hat größte Schwierigkeiten, die Versorgung in den Flüchtlingslagern aufrecht zu erhalten. Wer kann bricht nach Europa auf - man weiß, dort gibt es Lebenschancen und Sicherheit. Und nun kommen sie, jeden Tag Tausende an unsere Grenzen, in Erstaufnahmezentren und Notquartiere. Es ist die große Herausforderung - wird unser Land und Europa damit in menschlicher Art fertig werden? Werden wir - bewusst oder unbewusst - aus unserem christlichen Erbe handeln und diesen Menschen hilfreich zur Seite stehen? Wird unser Handeln nach 5.Mose/Deuteronomium 24,17 ff. erfolgen? Auch Jesus, Maria und Josef waren als Flüchtlinge in Ägypten...

    In unserem Land und in Deutschland sehen wir ein Handeln, das auf den Wurzeln christlicher Nächstenliebe basiert. Und die Menschen, die kommen, nehmen das auch wahr. Wir sehen aber auch, dass Nationalismus und Ablehnung alles Fremden wie- der zunehmen.

    Auch wir Christen können uns eines Gefühls der Angst nicht erwehren, wie es weitergehen wird. Wollen diese Menschen für immer bleiben? Kann unser Land, unsere Kultur so viele Einwanderer auf einmal verkraften? Viele Diskussionen und Meinungen finden sich in unseren Hauskreisen, Gemeinden und Familien wieder. Die Kernfrage bleibt: Können wir diese Herausforderung als Chance sehen, oder lassen wir uns von der Angst (um unsere Zukunft, unseren Wohlstand, unser Sozialsystem, unser „christliches Abendland“...) lähmen?

    „Fürchte dich nicht...“, spricht uns der Herr viele Male in seinem Wort zu. Schaffen wir es, im Vertrauen auf IHN zu gehen und die Herausforderung anzunehmen? Schaffen wir es, IHN zu bezeugen in dem, was wir tun?

    Es ist beeindruckend, was neben den Hilfsorganisationen von Freiwilligen an Arbeit und Spenden für die Flüchtlinge geleistet wird, die bei uns ankommen. Viele be- mühen sich nach Kräften, den Nöten der Flüchtlinge zu begegnen. Und das ist groß- artig. Das große „Aber“ für uns ist jedoch die Frage nach der Motivation.

    „Europa, wenn du nicht teilst, wirst du sterben“ – das kann nicht nur für die materiellen Dinge gelten, wir müssen auch unseren Glauben mit den Flüchtlingen teilen. Wenn wir Jesu Liebe weitergeben, auch in Form von Kleidung, Nahrung und vor allem Zeit und Fähigkeit zuzuhören, dann teilen wir, was ER uns gibt. Und wir müssen vor allem IHN mit den Menschen teilen.

    Sicher ist der Islam eine Herausforderung – vor allem wenn er auf ein Europa trifft, in dem der christliche Glaube keine Rolle mehr spielen soll. Wenn wir keine Jünger mehr sein wollen und unseren Glauben nicht leben und auch verkünden wollen, werden wir auch den Rest christlicher Basiswerte verlieren, die in unserer Gesellschaft noch vorhanden sind.

    Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem religiösen Geist des Islam und den Menschen, die versuchen durch das Einhalten der Gesetze dieser Religion Gott zu gefallen. Die Mehrheit der Muslime glauben im Gegensatz zu den aufgeklärten Europäern noch wirklich an die Existenz eines Gottes. oft ist es aus diesem Grund leichter, mit ihnen ins Gespräch über Gott zu kommen. Was sie nicht kennen, ist ein Gott der sie liebt. Und so kann jede praktische Tat, jedes Teilen von Brot, Kleidung, Zeit und Lebensraum verkünden: „Da ist jemand, der dich liebt. IHM bist du nicht egal!“ Jeder einzelne von uns kann an dem Platz, wo er lebt, ein lebendiges Zeugnis sein. Hier ist die Chance, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, die es sonst nie gehört hätten.

    Aber wir müssen auch die Gefahr sehen, die die geistliche Macht Islam für ein säkularisiertes Europa darstellt. Der Leib Christi ist hier gefordert, wach zu sein und im Gebet und in der Verkündigung in Wort und Tat die Zukunft unseres Landes und möglicherweise des Kontinents mitzuentscheiden. Der große Flüchtlingsstrom ist die große Herausforderung für das Miteinander in Europa, für unsere Gesellschaft und für die Staaten der europäischen Union. Wird es möglich sein, dass die Länder die aus dem Flüchtlingszustrom entstehenden Lasten nach ihren Möglichkeiten gemeinsam tragen oder nicht? Ist nicht auch in diesem Zusammenhang durch die entstehenden Belastungen diese Gefahr gegeben: „Europa, wenn du nicht teilst, wirst du sterben?“

    Wir alle wissen nicht, wann der Flüchtlingszustrom aus dem Nahen Osten nach Europa enden wird. Wir wissen aber mit hoher Sicherheit, dass der Flüchtlingszustrom aus Afrika in den nächsten Jahren zunehmen wird. Der Klimawandel aber auch Bürgerkriege und radikale politisch-religiöse Gruppen wie in Nigeria, Somalia oder Eritrea tragen dazu am meisten bei.

    Wird Europa in Afrika weiterhin überwiegend überall zusehen und zuwarten? Unsere Hilfe zur Selbsthilfe und die Stärkung des in Afrika so stark verwurzelten Miteinanders der Menschen können hier langfristig stabile und gesunde Gesellschaften aufbauen. Technisch ist heute das Wissen da, die weitere Wüstenbildung zu stoppen. Das Wissen umzusetzen, kann keine Frage mangelnden Geldes sein, sondern des Willens dazu. ohne das Schaffen von Gerechtigkeit wird es jedenfalls keinen dauerhaften Frieden geben.

    Das Wort aus Micha 6,8 (EÜ) gilt sowohl für den Einzelnen wie eine Völkergemeinschaft: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.“

    GLORIA BUTTINGER / HANS-PETER LANG

    Forum Gesellschaftsverantwortung des „Weges der Versöhnung“ – aus: Allianzspiegel, Dez. 2015

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  • Freier Sonntag als Gewinn für Work-Life-Balance wahrgenommen
    Nach klarem Votum der Wiener Handelsangestellten für den freien Sonntag: Wirtschaftskammer sollte sich jetzt für Anliegen der MitarbeiterInnen öffnen.

    „Das 95,9%-Votum der Wiener Handelsangestellten für den arbeitsfreien Sonntag zeigt, dass der Sonntag gerade für diese Berufsgruppe von eminenter Wichtigkeit ist. Das Ergebnis bestätigt, dass für die Handelsbeschäftigten der Sonntag als wöchentlicher Ruhetag wichtiger ist als das Geld“, so die Allianz für den freien Sonntag Österreich. „Die Menschen nehmen den arbeitsfreien Sonntag offenbar als Gewinn für die eigene Work-Life-Balance wahr“. Die Auswertung der Ergebnisse zeige den Stellenwert von gemeinsamer freier Zeit für Familienleben und soziale Kontakte.

    „Jetzt ist es an der Zeit, dass sich die Wirtschaftskammer in Wien für die Anliegen der MitarbeiterInnen öffnet und deren Argumente ernst nimmt“, so Gabriele Kienesberger, Koordinatorin der Allianz für den freien Sonntag Österreich. „Andere Wirtschaftsvertreter – wie etwa die Internationale Vereinigung christlicher Unternehmerverbände in Europa (UNIAPAC) - sind da viel weiter. Dort wird gesehen, dass die Wirtschaft von ihren MitarbeiterInnen lebt und von deren Innovationskraft, die von Kreativität gespeist ist. Kreativität wiederum braucht Rekreation.“

    „Wollen Sie persönlich am Sonntag arbeiten?“, so lautete die Frage der Urabstimmung, die von der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) durchgeführt wurde, die nun mit einem klaren NEIN beantwortet wurde.

    Als breites gesellschaftliches Bündnis stellt die Allianz für den freien Sonntag Österreich, der über 50 Organisationen aus den Bereichen Vereine, Freizeitorganisationen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Gewerkschaften und Kirchen angehören, die Bedeutung gemeinsamer freier Zeiten für das gesellschaftliche Zusammenleben in den Mittelpunkt.

    (Presseaussendung der "Allianz für den freien Sonntag Österreich", 26.3.2015

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  • EU-Konsultation: Sonntag als wöchentlichen Ruhetag verankern
    flexible
    EU-Konsultation: Sonntag als wöchentlichen Ruhetag verankern

    Internationaler Tag des freien Sonntags (3. März): Allianz für den freien Sonntag Österreich lädt dazu ein, sich am Konsultations-Prozess der EU-Kommission zur Europäischen Arbeitszeitrichtlinie bis 15. 3. zu beteiligen. Am 3.3. trifft sich auf Initiative der österreichischen Abgeordneten Evelyn Regner auch erstmals eine „Interest Group“ von MEPs zum Thema Freier Sonntag.

    Die laufende öffentliche Konsultation der Europäischen Kommission zur Arbeitszeitrichtlinie nehmen Allianzen und Initiativen für den freien Sonntag in ganz Europa zum Anlass, am heurigen Internationalen Tag des freien Sonntags (3. März), Bürgerinnen und Bürger der EU auf die Möglichkeit einer online-Eingabe von Vorschlägen in der jeweiligen Muttersprache aufmerksam zu machen. „Wir alle sind aufgerufen, uns im Zuge der Revision der Arbeitszeitrichtlinie für den Sonntag als gemeinsamen wöchentlichen Ruhetag in der EU einzusetzen“ heißt es dazu in einem gemeinsamen Aufruf.

    Bischof Schwarz: Sonntag in der Arbeitszeitrichtlinie verankern
    „Der arbeitsfreie Sonntag als gemeinsamer Ruhetag ist wesentlicher Ausdruck des europäischen Sozialstaatsmodells und sollte daher auch in der Arbeitszeitrichtlinie verankert sein“, sagt dazu Bischof Ludwig Schwarz, Sprecher der Allianz für den freien Sonntag Österreich und Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz in dieser Plattform von über 50 Organisationen. „Wie wir aus Österreich wissen, ist der freie Sonntag für gerechte Arbeitszeiten und für menschenwürdiges Wirtschaften ganz wesentlich.“
    „Soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gehen Hand in Hand“, so der Sozial-Bischof L. Schwarz weiter: „Die Entwicklungen in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern Europas in Richtung totale Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten und ständige Verfügbarkeit von ArbeitnehmerInnen beobachten wir mit Sorge. Es ist ein Zeichen der Solidarität, sich an der Konsultation zu beteiligen, und eine Chance, diesen Tendenzen auf europäischer Ebene entgegenzuwirken“.

    Mehr als 50 Organisationen aus Österreich
    Neben den Eingaben der BürgerInnen wird auch die Allianz für den freien Sonntag Österreich mit ihren über 50 Mitgliedsorganisationen eine Eingabe einbringen, so Gabriele Kienesberger und Maria Langmaier von der Koordinationsstelle der Allianz für den freien Sonntag Österreich: „Aus Sicht der Allianz für den freien Sonntag müsste die europäische Gesetzgebung die Würde, die Arbeitssicherheit und die Gesundheit der Menschen in Europa noch besser schützen als bisher und für eine ausgewogenere Balance zwischen beruflichem und privatem Leben sorgen.“ In ihrer Eingabe an die EU-Kommission betont die Sonntagsallianz, dass empirischen Studien zufolge atypische Arbeitszeiten zu einer Störung der sozialen Rhythmen führen, was wiederum negative Effekte auf die Gesundheit und Arbeitssicherheit von Beschäftigten hat. Kienesberger: „Vorbild für eine erneuerte Arbeitszeitrichtlinie mit der Verankerung des freien Sonntags für alle sollte die bereits existierende Richtlinie 94/33/EC sein, die den freien Sonntag schon jetzt als den Ruhetag für junge Menschen anerkennt.“

    „Interest Group“ im Europäischen Parlament
    Auf Initiative der österreichischen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Evelyn Regner (Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament) und des deutschen Abgeordneten Thomas Mann (Europäische Volkspartei), sowie der Europäischen Sonntagsallianz trifft sich am 3. März 2015 erstmals eine „Interest Group“ von Mitgliedern des Europäischen Parlaments zum Thema Freier Sonntag. „Es ist erfreulich, dass dieser wichtige Impuls, den freien Sonntag auf europäischer Ebene voranzubringen, von Evelyn Regner und damit von Österreich ausgeht“, sagt Franz Georg Brantner, Sprecher der Allianz für den freien Sonntag Österreich und Vorsitzender des Geschäftsbereichs Handel in der GPA-djp. „Auf Regners und Manns Initiative konnte Anfang 2014 auch die 2. Europäische Konferenz zum Freien Sonntag im EU-Parlament durchgeführt werden und damit das Thema auf europäischer Ebene entscheidend angestoßen werden. Im Herbst durften wir uns bereits über 26 Mitglieder des neu gewählten Parlaments freuen, die eine Erklärung abgegeben hatten, sich für den freien Sonntag auf europäischer Ebene einzusetzen.“ Brantner: „Mit der „Interest Group“ kann nun eine entsprechende Vernetzung von für den freien Sonntag engagierten Abgeordneten begonnen werden und dem Thema inhaltlich noch mehr Nachdruck verliehen werden.“

    Als breites gesellschaftliches Bündnis stellt die Allianz für den freien Sonntag Österreich, der über 50 Organisationen aus den Bereichen Vereine, Freizeitorganisationen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Gewerkschaften und Kirchen angehören, die Bedeutung gemeinsamer freier Zeiten für das gesellschaftliche Zusammenleben in den Mittelpunkt.

    LINK:
    Öffentliche Konsultation zur Überarbeitung der Arbeitszeitrichtlinie (Richtlinie 2003/88/EG)
    http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=333&consultId=14&visib=0&furtherConsult=yes&langId=de

    Foto:
    http://www.freiersonntag.at/images/stories/downloads/Fotos_Presse/willam_schwarz_etl.jpg
    AktivistInnen der Allianz für den freien Sonntag Österreich
    Mitte: Bischof Ludwig Schwarz, links: Michael Willam (Ethik-Center Vorarlberg), rechts: Maria Etl (Kath. Arbeitnehmerinnen-Bewegung Österreich)
    Fotocredit: Karoline Bloderer, kostenlose Verwendung
  • Sonntagsallianz gegen "Tourismuszonen"
    Vertreter aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaft und Kirchen fordern "Recht auf Sonntag" - Bischof Schwarz: Freier Sonntag ist Symbol des gesellschaftlichen Zusammenhalts

    (Wien, 05.11.14) Ein klares Nein zur Schaffung von "Tourismuszonen", in denen die Wiener Wirtschaftskammer Sonntagsarbeit ermöglichen will, haben am Donnerstag Vertreter aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaft und Kirchen bei einer Wiener Tagung zum Thema "Recht auf Sonntag" gegeben. Die derzeit laufende Diskussion zeuge von reiner "Profitgier" und werde "auf den Rücken der Arbeitnehmer" ausgetragen, betonte der Vizepräsident der Arbeiterkammer (AK) Wien, Willibald Steinkellner bei der gemeinsamen Veranstaltung der "Allianz für den freien Sonntag", der Arbeiterkammer (AK) Wien und der Gewerkschaft GPA-djp. Die Wirtschaftskammer hatte die Einladung zum Dialog laut Angaben der Sonntagsallianz ausgeschlagen und blieb fern. Aus den Kirchen nahm u.a. der Linzer Bischof Ludwig Schwarz teil.
     
    Geschlossen hätten alle Fraktionen der AK Wien in ihrer Vollversammlung am Mittwoch die Tourismuszonen abgelehnt, berichtete Franz Georg Brantner als Sprecher der Sonntagsallianz. Dass Tourismuszonen und Sonntagsarbeit außer Handelsangestellte auch andere Berufsgruppen in Mitleidenschaft ziehen würden, betonte die Wiener Landessekretärin der Gewerkschaft vida, Barbara Schröding. Ohnehin würde Sonntagsöffnung jedoch nur Umschichtungen statt mehr Konsum bringen, "die Menschen haben ja deshalb nicht mehr Geld zur Verfügung".
     
    Der Linzer Bischof und Sonntagsallianz-Vorsitzende Ludwig Schwarz erklärte, heute brauche es "statt mehr Flexibilität mehr verlässliche Zeit, die Menschen individuell und in Gemeinschaft mit anderen bedingungslos zur Verfügung stellt". Kulturübergreifend habe sich der Sonntag als Zeit etabliert, "in der man vom Hamsterrad der Arbeit ausbrechen darf", so der Bischof. Der "verzweckungsfreie" Tag gebe aus kirchlicher Sicht Zeit für Gott und die Mitmenschen und erlaube es, "einfach Mensch zu sein, unabhängig von materiellem Besitz oder beruflicher Position". Gleichzeitig gehe es beim Sonntag auch um das gesellschaftliche Gemeinwohl, sei er doch "Zeichen und Symbol des gesellschaftlichen Zusammenhalts".
     
    "HOFFNUNGSSIGNALE" DER EU
     
    Die EU müsse bei der Sonntagsarbeit aktiv werden, forderte der Leiter des ÖGB-Europabüros in Brüssel, Oliver Röpke, der von einer klaren Tendenz weiterer Liberalisierung der Arbeitszeiten berichtete. Seit 1994 habe sich die Zahl der Beschäftigten, die regelmäßig am Sonntag arbeiten müssen, um fast 60 Prozent erhöht, ähnlich wie bei anderen atypischen Arbeitszeiten wie Nacht- oder Schichtarbeit. Seit Anfang der 1990er-Jahre bestehe massiver Druck einer Deregulierung der Arbeitszeitrichtlinie, und längst seien die vier im Lissabon-Vertrag festgeschriebenen Grundfreiheiten des Marktes zur "Ersatzreligion" geworden, der alles untergeordnet werde.
     
    Mit der neuen EU-Kommission bestehe Hoffnung auf neue Vorzeichen für die Diskussion der Arbeitszeitrichtlinie, für die 2015 die Konsultation ausstehe, so Röpke, der auch die Allianz für den freien Sonntag zur aktiven Beteiligung aufrief. Jüngste Studien würden den freien Sonntag argumentativ stärken: So erhöhe regelmäßige Sonntagsarbeit etwa das Risiko eines Arbeitsunfalls um 30 Prozent, und auch die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen sinke messbar. Überall in Europa zeige sich zudem, dass Unternehmen nicht mehr bereit für Wochentagszuschläge seien, sobald Sonntagsarbeit einmal zur Regel geworden ist.
     
    40 EU-Parlamentarier hätten bereits ihre Unterstützung für den freien Sonntag erklärt, berichtete der deutsche Volkswirt Hannes Kreller von der Katholischen ArbeitnehmerInnen-Bewegung Deutschland. Derzeit werde eine parteienübergreifende "interest group" innerhalb des Parlaments vorbereitet und Kontakte zu Vertreter der Gesundheitssysteme gesucht.
     
    Schon jetzt arbeiten 722.000 Menschen in Österreich - deutlich mehr als die Hälfte davon Frauen - regelmäßig am Sonntag, geht aus den jetzt verfügbaren Daten aus dem Jahr 2012 hervor.

    31.10.2014

    Quelle: Kathpress

    http://www.weltanschauungsfragen.at/site/home/aktuelles/article/108117.html
  • Ökologische Gerechtigkeit und Humanökologie
    Gekürzte Fassung eines Vortrages von Prof. Dr. Markus Vogt, LMU München, für die Tagung "Gerechtigkeit in einer endlichen Welt“ am Institut für Sozialethik der Universität Wien, Jänner 2012

    Ökologische Gerechtigkeit und Humanökologie


    von Prof. Dr. Markus Vogt, LMU München

    1. Ernüchterung nach dem Scheitern der Klimakonferenzen

    Das 21. Jahrhundert beginnt hinsichtlich der Klimadebatte mit dem Debakel vom 19. Dezember 2009, dem Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels. Zukunftsfähigkeit müssen sich die Bürger – so der Philosoph Peter Sloterdijk – künftig eher gegen die Regierungen erkämpfen als in Erwartung der politischen Beschlüsse. Kopenhagen sei ein „Konzil der Ungläubigen“ gewesen: Wir wissen zwar um die radikale Bedrohung unserer Zukunft durch den Klimawandel, aber das in Zahlen abstrakter Klimamodelle präsentierte Wissen ist so fern von unseren Vorstellungs- und Lebenswelten, dass wir es doch nicht realisieren. Wir hören mit den Ohren und verstehen es doch nicht mit dem Herzen (vgl. Jes 42 sowie Mt 13,13ff). Wir glauben nicht, was wir wissen. Unsere Zivilisation scheint wie gelähmt von den Herausforderungen.

    Durch das Scheitern der nachfolgenden Klimakonferenzen in Cancún (2010), Durban (2011) und Doha (2012) wurde die Diagnose bestätigt. Die Aufbruchstimmung im Rin- gen um globale Gerechtigkeit ist einer Ernüchterung gewichen: Es ist zu spät für eine realistische Chance, die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen und die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen.
    Trotz aller Klimaverhandlungen und aller Rede über ökologische Gerechtigkeit stoßen wir jedes Jahr mehr Treibhausgase aus, derzeit ca. doppelt so viel, wie die Wälder und Meere absorbieren können. Mitte des Jahrhunderts könnte Südeuropa von Wüsten geprägt sein. Der Verbrauch von Energie und Material sowie der Ausstoß von Müll und Emissionen steigen weltweit unaufhörlich weiter. „Blind in die Apokalypse“ so beschreibt Harald Welzer den gegenwärtigen Kurs der Weltgesellschaft. Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem manövriert sich in eine Sackgasse. Unser demokratisches und wirtschaftliches System scheint in der gegenwärtigen Form zu kurzatmig und konkurrenzfixiert um den Ansprüchen ökologischer Gerechtigkeit angemessen zu begegnen.

    Technisch gesehen wäre eine weltweite Klima- und Energiewende, die eine exponentielle Steigerung ökologischer Risiken vermeidet, möglich. Aber in der Konkurrenz um die Spitzenposition in der Weltwirtschaft und unter dem Druck der Wähler auf die Politik tun wir das Gegenteil, wir erschließen auch aus prekären ökologischen Lagen zusätzliche Energiequellen und werden diese dann auch beschleunigt verbrauchen. Die USA planen mit Hilfe der Fracking-Methode, die Öl und Gas aus tief liegenden Gesteins- schichten herauspresst, zum weltweit größten Öl-Lieferanten bis 2020 aufzusteigen. „Wir alle sind nicht willens, heute kleine Opfer zu bringen, um die riesigen Opfer in 50 Jahren zu vermeiden.“ So Jorgen Randers in seinem „neuen Bericht an den Club of Rome“ der 40 Jahre nach „Die Grenzen das Wachstums“ Bilanz zieht und einen Ausblick auf die kommenden 40 Jahre wagt.

    Aktuelle Nachrichten, dass das arktische Eis schneller schmilzt als prognostiziert und die Welt sich rascher erwärmt, werden in den Zeitungen publiziert und auf Konferenzen diskutiert. Es hat sich eine „Besorgnisindustrie“ herausgebildet, die mit Forschungen und gigantischen Konferenzen eine Art Parallelkultur aufbaut; gleichzeitig läuft die Business-as-usual-Wirtschaft weiter und jeder beteiligt sich mit Konsum und Mobilität.

    Wir reagieren auf die ökologische Ungerechtigkeit mit einer Arbeitsteilung. Manche sind dafür zuständig, sich Sorgen um die Welt zu machen. Sie haben ihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft gefunden, sind eingehegt, gezähmt. Andere sind dafür zuständig, dass die Welt weiter funktioniert, von deren Wirtschafts-, Forschungs-, Konsum-, Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen alle abhängig sind. Beide Welten kommen sich wechselseitig kaum ins Gehege und existieren parallel. Die Botschaft, die die Vertreter der Besorgniskultur verkünden, kommt bei ihnen selbst nicht an, sie stoßen auf ihren Reisen von Klimakonferenz zu Klimakonferenz oft weit überdurchschnittlich viel CO2 aus.

    Angesichts des offensichtlichen Scheiterns der Klimadebatten, die sich „im Abseits des moralischen Standpunktes“ (Hegel) bewegen, fordern namhafte Wissenschaftler bereits den Übergang vom Klimaschutz zu Anpassungsstrategien an den unvermeidlichen Wan- del, der auf die Gesellschaften zukommt. Statt der Sackgasse von multilateralen Gerechtigkeitsverhandlungen sollen sich die Staaten individuell für den Wettbewerb um die knapper werdenden Ressourcen sowie für extreme Wetterlagen rüsten.

    So plädieren etwas Nico Stehr und Hans von Storch für einem „Paradigmenwechsel in der Klimadebatte: weg vom Primat „Schutz des Klimas vor der Gesellschaft“ hin zur Vorsorge, d.h. „Schutz der Gesellschaft vor dem sich wandelnden Klima“ . Der Fokus der Klimaverhandlungen ist bereits 2009 nach Kopenhagen unmerklich von der Abschwächung (mitigation) auf die Anpassung (adaptation) übergegangen. Als Ergänzungsstrategie ist diese angemessen und zunehmend unverzichtbar. Als nationalistisches Szenario nach dem Muster „Rette sich wer kann“ sowie als Kapitulation vor dem Anspruch der Klimagerechtigkeit wäre es fatal.

    2. Ökologische Gerechtigkeit als Frage der Menschenrechte

    Der Klimawandel ist das größte Kollektivgutproblem, das die Menschheit bisher betroffen hat. Wir haben keine historische Erfahrung, auf die wir zu seiner Lösung zurückgreifen könnten. Sie kann nur auf der Basis einer neuen Balance zwischen Freiheit und Gerechtigkeit gelingen. Bisher sind die Weichen im Globalisierungsprozess auf einen Aus- verkauf der Ressourcen gestellt. Der Energiehunger etlicher Entwicklungs- und Schwellenländer kommt gerade erst richtig in Schwung. Klimaschutz passt nur mühsam in das weltweit dominante Handlungsmuster eines kurzfristigen Wohlstandsstrebens.

    Der Klimawandel ist im Wesentlichen durch Menschen verursacht (anthropogen). Damit ist er ethisch betrachtet nicht als Schicksal einzustufen, sondern als Frage der Gerechtigkeit. Seine Ausmaße sind so gewaltig, dass sie sämtliche Entwicklungsprozesse der Globalisierung überlagern. Hierzu nur einige Stichworte:

    • Nie zuvor hat die Menschheit so tief, mit so großer räumlicher und zeitlicher Reichweite in die Biosphäre eingegriffen.
    • Der Klimawandel führt zu einer schleichenden Zerstörung der Heimat und der Nahrungsmittelsicherheit zahlloser Menschen in den subtropischen Regionen. Er unter- gräbt die Existenzrechte der 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die direkt von der Landwirtschaft leben.
    • Der Klimawandel stellt einen unmittelbaren Angriff auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte dar. Langfristig und global ist die Sicherung menschenwürdiger Existenz nicht ohne Klimaschutz möglich.
    • Die ungeklärte Frage der Verteilung der Emissionsrechte gehört zu den größten Gerechtigkeitslücken im gegenwärtigen Prozess der globalen Entwicklung.
    • Der Klimaschutz sowie die damit verbundenen Konflikte um den Zugang zu Ressourcen, die Zerstörung von Lebensräumen und die Migration mehrerer hundert Millionen Menschen sind heute zentrale Fragen der Sicherheitspolitik.
    • Der Klimawandel stellt gegenwärtig die wohl umfassendste Gefährdung der Lebensgrundlagen der heutigen und der kommenden Generationen sowie der außer- menschlichen Natur dar.

    3. Der Konflikt zwischen Klimaschutz und Armutsüberwindung

    Bei all dem besteht jedoch ein tiefer Konflikt zwischen Klimaschutz und Armutsbekämpfung. Denn die bisher bekannten und finanzierbaren Modelle wirtschaftlicher Entwicklung sind weitgehend vom Zugang zu fossiler Energie abhängig. Die meisten Entwicklungs- und Schwellenländer streben nach Armutsüberwindung und Wohlstandssicherung durch energieintensive Industrialisierung, wie sie vom reichen Norden vorgelebt wurde und wird. Es gibt in der Atmosphäre jedoch keinen Platz mehr für das CO2, das die Entwicklungsländer emittieren würden, wenn sie sich so entwickeln wollten wie die Industrienationen. „The world’s wealthy minority has left precious little atmospheric space for the poor majority.“

    Theoretisch sind die technischen Möglichkeiten für Armutsüberwindung und für Klimaschutz sowie für ihre Verknüpfung relativ gut. Die Realisierung der Ziele ist in erster Linie ein politisches und institutionelles Problem, da die nötigen Investitionen nur unter der Voraussetzung entsprechender Rahmenbedingungen, die eine gerechte, kooperative und vorausschauende Lastenteilung ermöglichen, zustande kommen werden. Gegenwärtig liegen aus der Perspektive der meisten Entwicklungsländer kaum konsensfähige und attraktive Vorschläge für ein gerechtes „burden sharing“ im globalen Klimaschutz auf dem Tisch. Ohne eine Klärung der ethischen Grundlagen laufen die politischen Verhandlungen in eine Sackgasse: „Disagreements about fairness and equity are at the center of the impasse.“

    Aufgrund der christlichen Option für die Armen ist für die Kirche das Spannungsverhältnis zwischen Klimaschutz und Armutsbekämpfung von besonderer Bedeutung. Gemessen an der Zahl der Todesopfer treffen Klimakatastrophen ganz überwiegend die Entwicklungsländer. „Der Klimawandel untergräbt die internationalen Bemühungen um Armutsbekämpfung.“ Es besteht die Gefahr, dass die mühsam im Laufe von Generationen errungenen Fortschritte in der Bekämpfung extremer Armut sowie im Gesundheits-, Ernährungs- und Bildungswesen und anderen Bereichen zunächst stagnieren und dann zurückgehen werden. Armutsbekämpfung erhält heute im Klimaschutz einen neuen Brennpunkt und eine neue Dimension komplexer Zusammenhänge. Viele Verteilungsprobleme spitzen sich als Kampf um Ressourcen und Lebensräume zu und sind nicht mehr nach traditionellen Wachstumsmodellen lösbar. Ökologische Probleme überlagern die sozialen Konflikte, ohne dass diese damit verschwinden.

    4. Zur Signatur der Gerechtigkeitskonflikte im Klimawandel

    Die Besonderheit der ethischen Probleme, die sich mit dem Klimawandel stellen, liegt in dem großen Abstand zwischen Verursachern und Leidtragenden. Man kann dies als eine dreifache Externalisierung der Kosten unseres Wohlstandsmodells charakterisieren:

    Ein guter Teil der Lasten wird auf die Armen, die Zukunft und die Natur abgelagert. Jede der drei Externalisierungen stellt ein eigenes komplexes Problemfeld der Ethik dar, was unter den Stichworten intergenerationelle, globale und ökologische Gerechtigkeit diskutiert wird. Die Deutsche Bischofskonferenz kennzeichnet den Klimawandel aufgrund dieser Analyse als „Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit“. Er ist ein exemplarisches Feld neuer Dimensionen von Gerechtigkeit, Solidarität, Wohlstandssicherung und Schöpfungsverantwortung im 21. Jahrhundert.
    Der Klimawandel muss als Ausdruck einer Ungerechtigkeit begriffen werden, die nahezu alle Bereiche des Lebens auf der Erde betrifft. Unsere Generation häuft untragbare ökologische Schulden auf.

    5. Die Schöpfung als gemeinsames Erbe der Menschheit

    Die Bewältigung des Klimawandels ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ethisch und rechtlich wird dies seit den 1960er-Jahren mit dem Konzept der Natur als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ (common heritage of mankind) begründet. Dies ist bisher jedoch nicht zuverlässig als Völkergewohnheitsrecht etabliert. Notwendig ist eine Trans- formation des Völkerrechts von einem Koexistenz- zu einem Kooperationsrecht. Dazu gehören z. B. Informations- und Konsultationspflichten sowie die Etablierung nationaler und internationaler Regelwerke für Vorsorge-, Haftungs- und Konfliktregelungen hin- sichtlich der Umweltbelastungen für Mensch und Natur.

    Als Basis für bereichsübergreifende multilaterale Verhandlungen wäre die Schaffung einer eigenständigen, mit Sanktionsmacht ausgestatteten Organisation für Umweltfra- gen innerhalb der UNO nötig. Auch die Idee eines Umweltgerichtshofes gewinnt zu- nehmend an Bedeutung, um Verstöße, die große Bevölkerungsgruppen betreffen, angemessen sanktionieren zu können. Aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive gibt es bisher ein deutliches Defizit im Bereich der Legalgerechtigkeit, weil getroffene Vereinbarungen häufig nicht eingehalten werden. Demnach kommt institutionellen Reformen für mehr Rechtsverbindlichkeit eine besondere Dringlichkeit zu, um für marktorientierte Maßnahmen der Tauschgerechtigkeit sowie für Solidarität im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit einen verbindlichen Rahmen zu erhalten.

    Die entscheidende ethisch-politische Herausforderung besteht darin, die kurzsichtigen Perspektiven zu überwinden und die moralischen, politischen und wirtschaftlichen Ressourcen solidarischen Handelns über nachsorgende Katastrophenhilfen hinaus für vorsorgenden Klimaschutz und innovative Energietechnik zu aktivieren. Dies erfordert vor allem eine Stärkung globaler Steuerungsinstitutionen für die Durchsetzung von CO2- Gerechtigkeit. Die ethische Bewältigung des Klimawandels ist auf einen institutionellen Wandel in Richtung Global Governance mit neuen strategischen Bündnissen zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft angewiesen.

    6. Kulturwandel für ein ökologisches Wohlstandsmodell

    CO2-Gerechtigkeit fordert nach aktuellem Verhandlungsstand, dass der Ausstoß klima- relevanter Gase in Europa bis 2020 um 20 bis 30% (gegenüber 1990) reduziert wird. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte der CO2-Ausstoß um 80-90 % reduziert werden.

    Mindestens 300 Milliarden US-Dollar müssen künftig jährlich für Klimaschutz und -anpassung investiert werden. Je später wir anfangen, desto teurer wird es. Die EU hat nach dem oben dargestellten Modell von ökologischer Gerechtigkeit davon ca. ein Drittel zu tragen hat. Eine bloße Umwidmung der bisher schon gezahlten Entwicklungshilfe (die nicht selten nur eine versteckte Subvention eigener Exporte ist) kann dafür nicht genügen.

    Diese Ziele sind nur durch eine neue industrielle Revolution zu erreichen. Es geht um weit mehr als um Transferzahlungen und Investitionen für ökologische Modernisierung. Ein grünes Mäntelchen für die Fortschrittsvorstellungen von gestern genügt nicht mehr, es geht um eine neue Qualität der Daseinsvorsorge. Das Kulturmodell, das darin besteht von allem immer mehr zu haben, muss in eines transformiert werden, das von allem immer weniger braucht. Weniger Wohlstand, weniger Konsum, weniger Mobilität, dafür aber auch weniger Arbeit, weniger Konsumstress. Das gelingt nur praktisch durch die Einübung eines anderen Lebensstiles, nicht durch die Appelle der Besorgnisindustrie. Nicht indem diejenigen, die Teil des Falschen sind, anderen mitteilen, was jetzt zu tun wäre, selbst aber so weitermachen wie bisher.

    Gerechtigkeit und Wohlstand können auf Dauer jedoch nur gesichert werden, wenn sich der kohlenstoffbasierte Stoffwechsel der Industriegesellschaften drastisch ändert. Damit verschiebt sich der Maßstab von Fortschritt: Er wird künftig wesentlich an der Verbesserung der CO2-Bilanz sowie an neuen Wegen des Umgangs mit Energie zu messen sein.

    Der Klimawandel ist also nicht nur eine Herausforderung für politische Verhandlungen und technische Innovationen, sondern ebenso eine Frage des gesellschaftlichen Wertewandels. Er braucht individuelle und kollektive Antworten auf genuin ethische Fragen nach den Zielen, Grenzen und Bedingungen von Wohlstand: Wie viel ist genug? Was sind die vorrangigen Werte des Fortschrittsstrebens? Wie sind die Lebenschancen von Menschen in unterschiedlichen Erdteilen gerecht zu verteilen? Wie kann in einer Demokratie die Berücksichtigung langfristiger Interessen sichergestellt werden? In der Suche nach Antworten auf diese Fragen, die auch für die Vereinbarkeit von Armutsbekämpfung und Klimaschutz eine wesentliche Bedeutung haben, können die Kirchen und Religionsgemeinschaften einen substantiellen Beitrag leisten.

    7. Die ökologische Kompetenz und Aufgabe der Kirchen

    Global haben wir eine starke ökologische Tradition. So waren die Kirchen die ersten, die den Begriff Nachhaltigkeit programmatisch auf Weltebene verwendet haben (ÖRK seit 1974 „Sustainable Society“). Sie haben substantiell die Entstehung des Konzepts mitgeprägt (z. B. „ganzheitliche Entwicklung“, Enzyklika Populorum progressio 1967). Der konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung auf europäischer und die Erdcharta auf globaler Ebene waren Wegbereiter für das ethische Konzept der Nachhaltigkeit, das die UNO heute vertritt. Umso dramatischer ist der Be- fund, dass die Kirchen heute ihre Impulskraft in der Debatte um ökologische Gerechtigkeit weitgehend verloren haben.

    8. Nachhaltigkeit als neues Sozialprinzip

    Nachhaltigkeit reflektiert ökologische und sozioökonomische Grenzerfahrungen der Moderne. Sie bietet eine neue Definition der Voraussetzungen, Grenzen und Ziele von Fortschritt. Sie zielt auf eine Zukunftsvorsorge, deren motivierende Hoffnung nicht Fortschrittsoptimismus ist, sondern die Vision eines gelungenen Lebens in den Grenzen der Natur. Eine solche Hoffnung jenseits von Fortschrittsoptimismus findet sich strukturanalog im christlichen Glauben: Sie basiert nicht auf der Vorstellung, dass alles immer besser wird und eine vollkommene Gesellschaft machbar sei, sondern im Gegenteil auf einem existentiellen Bewusstsein der Grenzen menschlicher Existenz, das sich dann zum Heil und zur Hoffnung wenden kann, wenn der Mensch den Geschenkcharakter des Lebens und seine Angewiesenheit auf Gemeinschaft erkennt. Die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung ist heute Voraussetzung dafür, dass die technisch-wirtschaftliche Entwicklung so gesteuert werden kann, dass sie dem Wohl des Menschen und der Schöpfung dient.

    Wir brauchen eine Neuinterpretation von Nachhaltigkeit: weg von dem utopischen Versprechen der Erfüllung aller ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse hin zu einer Interpretation einer neuen Qualität von Daseinsvorsorge, die einen Kulturwandel und damit auch eine ethisch-religiöse Dimension einschließt.

    Mit Zustimmung des Autors gekürzte Fassung eines Vortrages für die Tagung „Gerechtigkeit in einer endlichen Welt“ am Institut für Sozialethik der Universität Wien, Jänner 2012

  • Die Materialismusfalle – Josef Riegler im Gespräch mit Jakob Ehrhardt
    Netzwerk von Christen - Global Marshall Initiative
    JULI 2012

    Die Materialismusfalle


    Josef Riegler im Gespräch mit Jakob Ehrhardt, ZentrumKurier, Graz

    Herr Dr. Riegler, wir erleben momentan sehr bewegte Zeiten. Vor zwei Jahren sagten Sie in einem Interview für den ZentrumKurier, die ökonomische Katastrophe drohe noch vor der ökologischen einzutreten. Sind wir soweit?

    Wir haben momentan sicherlich eine Serie von Enttäuschungen zu durchleben. Ich meine ganz konkret den Erdgipfel in Rio, der gerade stattgefunden hat. Dort stand ja bereits vor Beginn dieser Riesenkonferenz fest, dass nichts herauskommt.

    Das Abschlussdokument wurde bereits vorher definitiv festgelegt und erfüllt nicht einmal die Minimalerwartungen – zum Beispiel, dass das UN-Programm für die Umwelt in eine eigene Institution umgewandelt wird oder dass in der UNO ein Nachhaltigkeitsrat, so ähnlich wie der Sicherheitsrat, eingeführt wird. Das war ein Thema im Vorfeld. Oder ein wirklicher Umstieg auf nachhaltige Strategien. Noch alarmierender sind Beispiele aus der Finanzwelt, bei denen man sich fragen muss, wer eigentlich entscheidet.

    Wer sind wirklich die Kräfte, die man nicht kennt, die im Hintergrund so stark sind, dass sie Regierungen, Parlamente und globale Institutionen vor sich hertreiben, unter Zugzwang setzen, um nicht kräftigere Worte zu gebrauchen?

    Das sehe ich als eines der ganz großen Probleme. Das heißt, wir haben es mit einer Entdemokratisierung von Entscheidungsprozessen zu tun. Gewählte Repräsentanten dürfen immer weniger entscheiden. Offensichtlich wirken immer mehr ungeheuer starke Kräfte im Hintergrund, die mit der Drohung wirtschaftlicher Maßnahmen Akteure zu einem bestimmten Verhalten zwingen.

    Kräfte, die offensichtlich auch die gleichen sind, die derzeit sehr viel Geld anhäufen ...
    So ist es, ja. Es ist heute so, dass dieses Weltfinanzsystem die treibende Kraft ist und einfach bestimmt ist vom Bestreben, Spekulationsgewinne zu maximieren ohne Rücksicht auf Verluste.

    Also eine Umverteilung „von unten nach oben“.

    Zur ökonomischen Problematik: Diese riesige Finanzblase kann natürlich jederzeit wieder platzen, so wie es im Herbst 2008 der Fall war. Damals haben die Regierungen unter Inkaufnahme einer riesigen Staatsverschuldung die Rettung des Finanzsystems bewerkstelligt. Dafür werden sie jetzt mit steigenden Zinsen für Staatsanleihen abgestraft.

    Bei einer nächsten, ähnlichen Blase wie 2008 würde wahrscheinlich die Kraft der Staaten nicht mehr ausreichen, und daher stellt sich jetzt schon dringend die Anforderung an die globale Politik, wenigstens einige punktuelle Maßnahmen rasch zu setzen, und ich sehe da drei besonders dringlich:

    Das erste ist eine weltweite Abgabe auf Kapitaltransfers, und zwar auf alle einschließlich der hochspekulativen Derivate, weil das die wirkungsvollste Maßnahme ist, um einerseits die wichtigsten Anliegen der Weltgesellschaft angehen zu können – sprich: Finanzierung von Entwicklungsprojekten, nachhaltigen Strategien usw., und andererseits würde durch eine solche Abgabe der Effekt eingebremst, dass die sekundenschnelle Finanztransaktion der größte Treiber dieser Blase ist.

    Zweitens: Es ist ein Skandal, dass Regierungen, Staaten, Parlamente nach wie vor dieses Unwesen von Steueroasen dulden, zum Teil sogar wohlwollend. Dabei entgehen den Staaten hunderte Milliarden an Steuergeld, siehe Beispiel Griechenland und viele andere. Andererseits wickeln weltumspannende Konzerne ihre Aktivitäten über solche Steueroasen ab und entgehen damit auch der Steuerleistung. Und diese Oasen sind auch Horte für Geldwäsche, Bilanzfälschung und Betrug. Es ist ein Skandal, dass man hier nach wie vor zuschaut.

    Ein Drittes, was für mich unter Sofortprogramm zu sehen ist: Das Verbieten von zerstörerischer Spekulation. Das gilt für die Finanzmärkte, das gilt aber ganz besonders für Lebensmittel, für Energie und für Rohstoffe.

    Die spekulativen Anleger stürzen sich, nachdem die Finanzszene ziemlich ausgereizt ist, immer mehr auf Rohstoffe, Nahrung und Energie und bewirken dadurch ein sprunghaftes Hinauf- und Hinunter der Preise, und das bedeutet ganz konkret, dass Regionen mit armer Bevölkerung Hunger leiden müssen, weil Lebensmittel auf einmal nicht mehr bezahlbar sind.

    Das sehe ich als die drei vordringlichsten Dinge, und dann bleiben natürlich die großen Themen, wie eine weltweite Klimastrategie voranzubringen oder das Thema „extrem reich – extrem arm“ als Ursache für Flüchtlingsbewegungen, für Terror, für Kriege...

    Wenn man die vergangenen 15 Jahre hernimmt, zeigt sich folgende alarmierende Entwicklung: Im Jahr 2000 hat die UNO die sogenannten Millennium-Entwicklungsziele bis 2015 beschlossen. Damals betrug der weltweite Aufwand für Entwicklungszusammenarbeit knapp 60 Milliarden US$, der Aufwand für Rüstung, für Militär, hingegen ca. 600 Mrd. $, also etwa das Zehnfache. Im Jahr 2011 wurden für Entwicklungszusammenarbeit etwa 130 Mrd. $ aufgewendet, also plus 70 $. Der Aufwand für Rüstung, für den Militärapparat ist aber auf 1600 bis 1700 Mrd. $ gestiegen, also um gut 1000 Mrd $. Das allein zeigt, wie dramatisch die Entwicklungen auseinandergehen.

    Es wäre genug an Geld vorhanden, um eine verträgliche Entwicklung zu bewerkstelligen, es wird aber nicht in den Frieden investiert – das wäre Entwicklungspartnerschaft – sondern es wird in Kriege investiert. Das ist der eigentliche politische Skandal.

    Sie sprechen vom Druck, unter den die Regierungen von mehr oder weniger anonymen Mächten gesetzt werden. Wer soll dann etwas ändern?

    Es geht nur so wie bei Münchhausen, dass sich die Politiker selbst am Schopf aus der Misere herausziehen. Das heißt, grundsätzlich geht es um zwei Dinge.

    Das Eine ist, dass man den geistigen Hebel umlegen muss. Es geht nicht mehr, dass wir taktieren und sagen, die nächsten paar Monate werden wir schon irgendwie über die Runden bringen. Wir müssen wieder die Verantwortung für unsere Kinder und Kindeskinder erkennen.

    Das Zweite ist, dass die politischen Akteure, vor allem jene der großen Mächte, realisieren müssen, dass es keinen Sinn mehr macht, egoistische Einzelziele einzelner Staaten, einzelner Mächte voranzutreiben. Wir sitzen in einem Boot.

    Das heißt, man muss sich entschließen, notwendige Dinge gemeinsam zu machen. Wenn man sich dazu aufrafft, dann hat man auch die Kraft, diese wildgewordenen Wirtschaftskräfte wieder in den Zaum zu bringen.

    Wenn man sich innerhalb der G-20 – der Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer – dazu durchringt, eine weltweite Abgabe auf Finanztranfers, ein Verbot von Steueroasen sowie ein Untersagen von zerstörerischer Spekulation weltweit gemeinsam durchzusetzen, dann ist das überhaupt kein Problem. Die Instrumente dafür gibt es.

    Das Problem ist nur, dass immer einer dagegen ist oder dass mehrere dagegen sind. Wenn zum Beispiel die EU durchaus sinnvolle Vorstöße in Klimastrategie, Finanztransaktionen, Spekulationseindämmung unternimmt, dass dann die USA, China, Brasilien, oder wer immer „Nein!“ sagen. Daher leiden wir auf der globalen Ebene an der momentanen Entscheidungsunfähigkeit.

    Das sind die entscheidenden Punkte: einerseits das Erkennen der Aufgabe und andererseits das Zusammentun zu Entscheidungen.

    Ganz konkret – und auch mit dem Blick auf unsere Kinder und Enkel gefragt: Müssen wir Angst haben?

    Ja. Ich würde so sagen: Wir müssen extrem große Sorge haben. Wenn die Dinge so weitertreiben, dann gehen unsere Kinder und Enkelkinder wirklich einer eher düsteren Zukunft entgegen – auf der einen Seite die Ressourcenzerstörung und auf der anderen Seite die Aufschaukelung von zerstörerischen bis kriegerischen Kräften. Daher ist jetzt nicht die Zeit, zu lamentieren oder Sorgen zu formulieren, sondern es ist Zeit zu sagen: Wir müssen alle Kräfte mobilisieren, um die Entwicklung noch einigermaßen bewältigen zu können.
    Angesichts der derzeitigen Entscheidungsunfähigkeit der politischen Akteure – vor allem auf globaler Ebene, aber auch europäisch und national – liegt die einzige Chance in einer Mobilisierung aller positiven, konstruktiven Kräfte der sogenannten Zivilgesellschaft.

    Das sind die einzelnen Menschen, das sind die vielen Initiativen, Organisationen, Aktionen, die es gibt – das sind aber auch viele Kräfte aus der Wirtschaft.

    Es ist ja so, dass auch in der Wirtschaft sehr viele unter diesen Fehlentwicklungen massiv leiden, sich einer äußerst unfairen Konkurrenz gegenübersehen und daher auch reagieren. Nehmen wir nur ein Beispiel: Es gibt in Österreich die Initiative „Gemeinwohlökonomie“, von Christian Felber Ende 2010 ins Leben gerufen. Dass innerhalb eines Jahres 400 Unternehmen in Österreich sagen: „Ja, wir wollen uns in Richtung Gemeinwohlökonomie entwickeln“, das ist ein sehr ermutigendes Signal.

    Wobei das im Prinzip ja nicht Neues ist. Unser traditionelles Verständnis von Wirtschaft war immer, dass Wirtschaften mit der Erfüllung von gesellschaftlichen Bedürfnissen zu tun hat: Dass man Arbeit gibt, dass man gute Arbeit leistet, dass eine Vertrauensbasis zu Kunden, zu Geschäftspartnern gepflegt wird... Diese Wesensmerkmale europäischer Unternehmenskultur sind durch eine rein profitorientierte Ökonomie an den Rand gedrängt worden.

    Es gibt unglaublich viele positive Kräfte, und man sieht dann immer wieder, dass bei bestimmten Ereignissen plötzlich sehr schnell Veränderungen möglich sind. Fukushima hat bewirkt, dass auf einmal da und dort wirklich ein Atomausstieg erfolgt ist.
    Ähnliches kann immer wieder passieren, und daher ist es für mich auch wichtig, dass es Lösungen gibt, die vorgedacht wurden und auf die man zurückgreifen kann.

    Das Projekt „Global Marshallplan für weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft“ ist ein solches sehr ausgereiftes Modell, das man praktisch nur aus der Lade ziehen muss, wenn man will, und das man sehr schnell umsetzen kann. So wie Ludwig Erhard bereits vor Ende des Zweiten Weltkriegs das Modell der Sozialen Marktwirtschaft in der Aktentasche hatte und es dann ab 1948, als man handlungsfähig war, auch realisieren konnte.

    Beides ist vorhanden: Es gibt ungemein viele positive Kräfte, die allerdings auf Millionen Menschen zersplittert sind – und es gibt Ideen, wie man es richtig machen kann. Wenn beides zusammentrifft und dann auch politische Akteure dazu zwingt, diese Dinge zu machen, dann sehe ich eine große Chance.

    Das heißt, der Druck von unten, aus der Zivilgesellschaft, wäre hilfreich ...

    Das ist das einzig Hoffnung Gebende! Ich baue vor allem auf die konstruktiven Kräfte. Wir haben am Beispiel Griechenland gesehen, wie politisches Versagen und wirtschaftliche Katastrophen ein offenes Feld für Demagogen und Volksverhetzer bieten – wie rasch Demokratien unregierbar werden können.

    Auch in Österreich ...

    Richtig. Demagogen und Volksverhetzer können zwar den Frust der Menschen ausnutzen, aber sie bringen keine Lösungen. Daher bedarf es der kritisch-konstruktiven Kräfte, die man aber auch bündeln muss, um sie auf den Boden zu bringen.

    Wichtig ist, dass man sich nicht im Stillen ärgert, sondern dass man versucht, auf verschiedenste Art und Weise positive Entwicklungen in Gang zu bringen. Etwa, indem man ein öffentliches Bewusstsein unterstützt. Indem man selbst Dinge in die Hand nimmt ...

    Sie haben Unterlagen zum „Netzwerk von Christen“ mitgebracht, eine Bewegung, die in diese Richtung aktiv ist ... worum geht es da?

    Diese Initiative wurde von Pater Herwig Büchele, SJ, seinerzeit Leiter der Katholischen Sozialakademie in Wien und dann Universitätsprofessor in Innsbruck, ins Leben gerufen. Er hat zu mir vor Jahren gesagt, eure Ziele – Entwicklungspartnerschaft, Global Marshall Plan und eine ökologisch-soziale Wirtschaftsform – sind richtig, aber wir brauchen auch den Heiligen Geist dazu. Es geht nicht nur mit den Macher-Aktivitäten der Menschen, sondern wir müssen erkennen, dass es auch der spirituellen Kraft bedarf. Dieses Netzwerk von Christen lebt beides, nämlich einerseits durch Gebets- Vernetzung diese geistige Kraft zu stärken und gleichzeitig aber auch durch ganz konkrete Aktivitäten Beiträge zu einer fairen Entwicklung zu leisten.

    Es ist ja auch weltweit zu beobachten, dass vorwiegend dort, wo ein spirituelles Fundament vorhanden ist, sich Kräfte und Bewegungen gegen den, sage ich einmal, Sog des Materiellen, formieren.

    Genau, und das halte ich überhaupt für die entscheidende Ebene. Diese Bedrohungen, in die wir hineingeraten sind, sehe ich in ihrer tiefsten Ursache begründet in der Materialismusfalle, in welche die Menschheit geistig geraten ist.

    Der Materialismus unterschiedlicher Ausprägung wie Marxismus oder Kapitalismus hat die spirituelle, die göttliche Ebene über Bord geworfen. Es geht nur noch um uns, in einem ganz egoistischen Verständnis. Wie viel kann ich für mich zusammenraffen? Das summiert sich dann milliardenfach und führt genau zu den bedrohlichen Entwicklungen, die wir haben.

    Die eigentliche Zukunftshoffnung ist, dass es zu einer Wiederbelebung des spirituellen, des religiösen, des ethischen Fundamentes kommt. Man merkt immer wieder, dass schwierige Zeiten auch fruchtbare Zeiten sind für die Stärkung der spirituellen, religiösen, geistigen Ebene, während Wohlstandszeiten offenbar eher in die andere Richtung verführen.

    Auch da sehe ich die Chance, dass durch die Herausforderungen sehr viel Besinnung in Bewegung und Bewegung in die Besinnung kommt. Da ist auch vieles im Gange, wenn sich auch die offiziellen Strukturen der Kirchen manchmal schwer tun. Es ist ermutigend, wie viel hier an Suche und an Engagement auf dem Weg ist.

    Quelle: http://www.netzwerkvonchristen.at/ Weiterer Link-Tipp: http://www.globalmarshallplan.org

  • Lebensschutz nun mit vereinten Kräften
    Im Vorjahr entstand die „Lebenskonferenz“, ein Zusammenschluss vieler Kirchen, Denominationen und gemeinnütziger Organisationen Österreichs, denen der Schutz des menschlichen Lebens ein besonderes Anliegen ist. Ein gemeinsames Auftreten in diesem gemeinsamen Anliegen in der Öffentlichkeit ist angelaufen.

    Eine gute Übersicht über die Anliegen der Lebenskonferenz liefert die Darstellung von Dietrich Fischer-Doerl, die Sie hier finden.

    Die heutige Situation ist grotesk: Überalterung der Gesellschaft in Österreich, Sorgen um die Pensionen einerseits, und hohe, aber noch nie genau erfasste Zahl der Abtreibungen sowie fehlende flankierende Maßnahmen der so genannten „Fristenlösung“ andererseits.

    Eine fortschreitende Kultur des Todes?

    Im Jänner 2012 wurde in einer internationalen Zeitschrift für Ethik in der Medizin ein Artikel unter dem Thema „Abtreibung nach der Geburt“ – after-birth abortion - veröffentlicht. Darin wird die Frage behandelt, ob nicht die Tötung von Babys in den ersten Tagen nach der Geburt freigegeben werden sollte, wenn nach der Geburt Gründe auftreten, die zur Abtreibung geführt hätten, wären sie vor der Geburt bekannt gewesen (The Journal of Medical Ethics, "After-birth abortion: why should the baby live?", 23. Feb. 2012, von Alberto Giubilini and Francesca Minerva).

    ABSTRACT
    Abortion is largely accepted even for reasons that do not have anything to do with the fetus' health. By showing that (1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call 'after-birth abortion' (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled. (den englischsprachigen Originalartikel finden Sie hier.)


  • Ein europäisches Tabu: Die weltweite Christenverfolgung

    Ein europäisches Tabu: Die weltweite Christenverfolgung



    01.01.2012 | 18:19 | HANS WINKLER (Die Presse)

    Moderne Märtyrer. In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um den Erdball ein verdrängtes Thema.

    Eine Wiener Pfarre unterstützt den katholischen Pfarrer Robert Jarjis in Bagdad. Nach dem verheerenden Anschlag auf eine Kirche am 30. Oktober 2010, bei dem 53 Menschen, darunter mehrere Priester ums Leben kamen, holte ihn sein Bischof vom Studium in Rom zurück. Bei seinem letzten Besuch in Wien verabschiedete sich Pfarrer Jarjis mit der Bemerkung, es werde wohl kein Wiedersehen geben. Ein katholischer Priester in Bagdad habe kein langes Leben vor sich.

    Wenn man die systematische Entrechtung der Christen in Saudi-Arabien, dem Iran oder Pakistan für einen bedrückenden „Normalzustand“ nimmt, ist die Lage derzeit im Irak am schlimmsten. Der Irak gehört mittlerweile mit Afghanistan, Algerien und dem Nordsudan zu den Staaten, in denen sich die Situation der Christen in den letzten Jahren besonders dramatisch verschlechtert hat. Seit 2003 sind bereits zwei Drittel der seinerzeit mehr als eineinhalb Millionen Christen ausgewandert.

    „Westliche Bildung ist Sünde“

    In Nigeria hat mit der Einführung der Scharia in zwölf Bundesstaaten des Nordens eine Welle mörderischer Attacken gegen Christen eingesetzt. Sie werden von der Weltöffentlichkeit aber nur registriert, wenn sie ein so verheerendes Ausmaß erreichen wie die Anschläge auf mehrere Kirchen am Christtag in der vorigen Woche, bei denen 40 Menschen getötet wurden. Sie gehen auf das Konto der islamistischen Organisation Boko Haram. Der Name bedeutet: „Westliche Bildung ist Sünde“.

    Wenn sich Christen zur Wehr setzen, wozu sie meistens ohnehin viel zu schwach sind, wird das als „Religionskonflikt“ dargestellt, an dem beide Seiten gleichermaßen Schuld hätten: Die „monotheistischen Religionen sind eben so“.

    Die Anschläge in Nigeria haben sogar die sonst – was Christen betrifft – wenig sensible EU aufgeschreckt: Außenbeauftragte Catherine Ashton bekundete ihr Entsetzen. Auch US-Präsident Barack Obama und der UNO-Generalsekretär protestierten.

    Besonders schlimm ist die Lage in Pakistan, wo der Zusammenbruch der staatlichen Strukturen auch die letzten Sicherheiten für die religiösen Minderheiten verschwinden lässt. Die Islamisierung des Landes schreitet fort, die berüchtigten „Blasphemie“-Gesetze werden besonders gegenüber Christen eingesetzt.

    Das bekannteste Beispiel dafür ist Asia Bibi, die seit einem Jahr im Gefängnis sitzt, weil sie angeblich das Christentum verbreiten wollte und dadurch den Propheten beleidigt habe. Sie ist bereits physisch und psychisch schwer krank. Der (christliche) Minister für Minderheiten, Shabaz Bhatti, der sich gegen den Missbrauch des Blasphemievorwurfs eingesetzt hatte, wurde ermordet.

    In rund 60 Staaten werden heute etwa 250 Millionen Christen wegen ihrer Religion verfolgt oder diskriminiert. Die Verfolger sind nicht immer die Staaten unmittelbar, sondern oft religiöse Warlords und fanatische Gruppen wie in Nigeria oder im indischen Bundesstaat Orissa, wo es 2007 und 2008 zu großen Pogromen gegen Christen durch radikale Hindu-Fundamentalisten gekommen ist. Sie genießen freilich oft die Unterstützung des Staates einfach dadurch, dass er die Täter gewähren lässt.

    Verfolgung im Namen des Islam

    Am schlimmsten steht es um die Christen in Nordkorea, die fast alle in Straflagern sitzen. Auch in der Volksrepublik China werden die Christen bedrängt, das kann aber die rasche Ausbreitung des Christentums nicht verhindern. Es gibt Schätzungen, nach denen sich in China an einem Sonntag mehr Menschen zu christlichen Gottesdiensten zusammenfinden als in ganz Westeuropa.

    Die Tatsache, dass sich unter den Verfolgerstaaten 35 islamische befinden, kann man nicht einfach mit der bequemen Unterscheidung zwischen dem friedfertigen Islam und den gewalttätigen Islamisten wegwischen. In Staaten wie Pakistan, Saudi-Arabien oder Algerien findet die Verfolgung durch den Staat im Namen des Islam statt.

    Der Islam kennt die westliche Unterscheidung von Staat und Gesellschaft, Religion und weltlicher Macht nicht wirklich. Der Einzelne ist nur dann vollberechtigter Träger von Rechten und Pflichten, wenn er der islamischen Gemeinschaft – der „Umma“ – angehört. Alle anderen Menschen sind Bürger zweiter Klasse, ein Hauptgrund für Diskriminierungen und Verfolgungen religiöser, gesellschaftlicher und beruflicher Art.

    Das Blut der Märtyrer . . .

    Aber selbst im Nahen Osten gibt es eine Umkehr der Verhältnisse: Während aus einem Land die Christen vertrieben werden, tauchen sie in anderen Ländern auf. Ausgerechnet in Saudi-Arabien, wo man das Christentum nicht einmal privat praktizieren darf, lebt eine Million philippinischer Katholiken als Gastarbeiter. Möglicherweise werden sie eines Tages zur Keimzelle einer neuen Blüte.

    Es gehört zu den Paradoxa der Geschichte, dass der Zulauf zu christlichen Gemeinden auch in Verfolgerstaaten ungebrochen ist. Das scheint den altkirchlichen Satz zu bestätigen: „sanguis martyrum est semen christianorum“ – das Blut der Märtyrer ist der Samen für die neuen Christen.

    Eigentümliche Zurückhaltung

    In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um die Welt kein Thema. Auch die Kirchen selbst haben sich bis vor Kurzem in eigentümlicher Zurückhaltung geübt. Erst die zahlreichen Mordanschläge auf die Kopten und die beginnende Vertreibung der Christen aus Ägypten haben zu gemeinsamen Protesten der Kirchen in Wien geführt.

    Die Christen selbst quälen sich mit der Frage nach dem Warum. In seiner Predigt am Stephanitag, dem Gedenktag für den ersten Märtyrer der Kirche, mahnte Erzbischof Christoph Schönborn die Christen „angesichts der eigenen Gewalthandlungen im Laufe der Geschichte“ zu Vorsicht im Urteil.

    Oft würden Christen stellvertretend für den verhassten, weil überlegenen Westen genommen. Das trifft sicher auf Teile der islamischen Welt zu. Auch die Geschichte des Kolonialismus, der von „christlichen Ländern“ ausging, wird oft ins Treffen geführt.

    Für den Nahen Osten und Ägypten kann das allerdings nicht gelten, denn das Christentum ist in all diesen Ländern älter als der Islam. Wenn die Al-Azhar-Universität in Kairo den Religionsdialog erst wieder aufnehmen will, nachdem sich der Papst für die Kreuzzüge entschuldigt hat, ist das ziemlich weit hergeholt.

    „Vaterlandslose Gesellen“

    Die Christen, namentlich die Katholiken, entziehen sich dem Totalitätsanspruch des Staates und sie verweigern sich der Vergötzung der Nation. Das macht sie zu „vaterlandslosen Gesellen“ – erst recht, wenn sie dann womöglich noch ihre höchste Autorität im Ausland haben.

    Aber die Verfolgung gilt dem eigentlichen Kern des Glaubens, der Jesus selbst ist. „Weil er eine Provokation ist“, wie der Kardinal sagte, „die zur Entscheidung herausfordert und weil er uns an die Schuld erinnert“.
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  • Die Krise und wir – Versuche der Auseinandersetzung
    Der „Weg der Versöhnung” beschäftigte sich im April 2009 in St. Gilgen mit aktuellen Themen. Das Forum „Gesellschaftsverantwortung” brachte drei Vorträge in die Tagung ein:

    • Kurt Igler, ThM: „Geld ist kein guter Diener”
    • Mag. Gloria Buttinger: „Wirtschaftskrise – Woher – Warum – Wohin?”
    • Dr. Hans-Peter Lang: „Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die so genannte Dritte Welt”, gezeigt vor allem an Hand des Videos „Momentaufnahme”.

    Kurt Igler verwies eingangs auf das biblische Verständnis von Besitz und Geld, um dann auf die Sündhaftigkeit des Menschen zu verweisen: den Missbrauch und die Zweckentfremdung all des Guten, das die Welt für ihn bereit hält. Geld kann und soll genutzt werden, aber es darf im Leben nicht zu einem Götzen werden. Woran hängt mein Herz? – das bleibt die Kernfrage. Der Vortrag schloss mit dem Zitat aus 1Tim 6,1: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden… (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)

    Gloria Buttinger berichtete zuerst von den Voraussetzungen, die zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise führten, weiters von den riesigen Summen, die von den einzelnen Staaten aufgewendet wurden, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Es wird die Frage sein, wie die hohen daraus resultierenden Schulden der Staaten in den nächsten Jahren abgebaut werden. Aus ihrer Sicht ist derzeit keine grundsätzliche Umorientierung im wirtschaftlichen Denken zu erkennen. (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)

    Hans-Peter Lang zeigte die DVD „Momentaufnahme” zur sozialen und ökologischen Lage der Welt (näheres siehe die gleichnamige Homepage bzw. hier). In eindrucksvollen Bildern werden die Ernährungsgrundlagen im ländlichen Raum in den Ländern des Südens gezeigt, aber auch das Elend vieler der dortigen Großstädte und ihre Müllberge. Es wird festgestellt, dass die Erde genug Güter für alle bereithält, aber zu wenig für die Gier einiger.

    Im Anschluss an die Vorführung der DVD wurde auf Grund der Veröffentlichungen diverser internationaler Organisationen auf die gewaltigen finanziellen Auswirkungen der laufenden Wirtschaftskrise hingewiesen, welche die schon meist sehr hoch verschuldeten Staaten der so genannten 3.Welt zusätzlich treffen.(Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)

  • Geld – Diener oder Herr?

    Geld – Diener oder Herr?



    Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr:
    Vom biblischen Umgang mit Geld und Besitz

    Kurt Igler

    Money makes a good servant, but a bad master. (Francis Bacon)
    Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Jesus, Mt 6,24)

    Der rechte Umgang von Christen mit Geld und Besitz setzt zunächst ein rechtes biblisch-theologisches Verständnis der Güter dieser Welt und der Erfindung des Geldes voraus. Und hier ist als Erstes zu sagen: Als Gabe des Schöpfers müssen die Güter dieser Welt zunächst vorbehaltlos als gut angesehen werden (vgl. 1Tim 4,4 EIN: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird). Gott hat dem Menschen einen Lebens-Raum bereitet, und er hat ihm die Güter dieser Welt zur Nutznießung in Demut und Dankbarkeit zur Verfügung gestellt.

    Nun gibt es freilich das bekannte „Verteilungsproblem“ der Güter dieser Welt, und davor noch die wesentliche Frage, wem die Güter eigentlich gehören. Aus schöpfungstheologischer Sicht, die Güte Gottes gegen alle Menschen bedenkend, wie auch die Gleichheit des Menschen vor Gott in seiner Gottesähnlichkeit, muss der Schluss gezogen werden, dass die Güter der Welt grundsätzlich dem menschlichen Geschlecht zur Verfügung stehen, nicht bloß einem Teil der Menschheit unter Ausschluss des anderen Teils. Menschen den Zugang zu den Gütern dieser Welt, zur Teilhabe an diesen, zu verwehren, widerspricht den guten Absichten Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).

    So viel zum ganz Grundsätzlichen – wir wollen später noch konkreter werden. Geld hat nun zunächst die Funktion, die Verteilung der Güter zu erleichtern, und muss unter diesem primären Aspekt wiederum gänzlich positiv bewertet werden. Es wurde angesichts der Probleme, die der Tauschhandel mit sich bringt, eingeführt als ein Drittes, ein Tauschmittel, auf dessen Tauschkraft sich die Handelspartner einigten – eine Bedingung dafür war seine kontrollierte Herstellung und Herausgabe. Nun war es auch leichter, sich auf die Produktion dessen zu konzentrieren, wo persönliche und umstandsbedingte Stärken liegen (Arbeitsteilung). Die „Erfindung“ des Geldes bescherte also dem Handel und dadurch dem allgemeinen Wohlstand einen ungeahnten Aufschwung: Geld ist ein überaus geeignetes Mittel zu Wohlstandsvermehrung.

    Bislang haben wir ein durch und durch positives Bild von Geld, Gütern und Handel gezeichnet. Besteht der christliche Beitrag zum Wirtschaftsleben also lediglich in einer pauschalen „Absegnung“, einem generellen Gutheißen des wirtschaftlichen Handelns des Menschen?

    Keineswegs – denn es ist eben das wirtschaftliche Handeln des Menschen! Und damit sind die Probleme schon impliziert. Denn der Umgang des Menschen mit Geld und Besitz ist gezeichnet von jenem Grundproblem des Menschen, dem Verhängnis und dem Schuldzusammenhang, in dem er sich in dieser Welt immer befindet, kurz: der Sünde. Der Mensch missbraucht und zweckentfremdet all das Gute, das diese Welt für ihn bereithält. Er wirkt zerstörerisch, er schadet sich und anderen – und im Wirtschaftsleben sind speziell die Möglichkeiten, anderen zu schaden, immens.

    Nur stichpunktartig seien diese Möglichkeiten angedeutet: übermäßige Ausbeutung der Ressourcen, Zerstörung der Umwelt, Verschwendung, schädliche Arbeitsbedingungen, Versklavung, ungerechte Entlohnung, Betrug, Übervorteilung, Erpressung, Untreue, Raub, Diebstahl, minderwertige Ware, überhöhte Preise, Zinswucher, Monopolbildung, …

    Was ist aus biblisch-christlicher Sicht dazu zu sagen?

    Zunächst: So positiv die Bibel die Güter dieser Welt beurteilt, so sehr sie den Menschen dazu ermächtigt, sich die Erde zunutze zu machen („Kulturauftrag“, s. 1Mo 2,15), und so sehr sie auch das persönliche Eigentum schützt (das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen!), so wenig gesteht sie dem Menschen willkürliche Verfügungsgewalt über sein Eigentum zu. Die Güter dieser Welt sind dem Menschen anvertraut, zur Verfügung gestellt, und er ist rechenschaftspflichtiger Verwalter. Gott ist Herr der Schöpfung und Herr des Menschen, und so hat es der Mensch in seinem Umgang mit der Schöpfung, ihren Gütern, und dem Mitmenschen immer auch mit Gott selbst zu tun. Dieser Verantwortlichkeit kann er sich nicht entziehen, er kann sie höchstens zu seinem und zum Schaden seiner Umgebung ignorieren.

    Als Besitzender bin ich, so lehrt Jesus, dem Nächsten gegenüber verpflichtet (vgl. die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, Lk 16,19-31). In jener Geschichte ist nicht der Reichtum an sich das Problem, sondern dass der Reiche seine Verpflichtung gegenüber dem Armen vor seiner Tür nicht wahrnehmen wollte. Die katholische Soziallehre redet entsprechend von einer „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, einer ethischen Verpflichtung der Besitzenden gegenüber den Mittellosen.

    Viele konkrete Schlussfolgerungen für den Umgang mit Geld und Besitz könnte man schon aus diesen wenigen Prinzipien ziehen, aber es ist hier nicht der Raum dafür. Es wird allerdings aus der Art und Weise, wie die Bibel das Problem des Umgangs mit den Gütern der Welt anspricht, vor allem eines deutlich: Es kann auch bei unserer Behandlung des Themas nicht in erster Linie darum gehen, bestimmte wirtschaftliche Systeme zu verurteilen und andere zu empfehlen oder gar als die Lösung des Dilemmas anzusehen. Das sollte uns auch die Geschichte lehren, dass die Not des Menschen nicht in erster Linie darin besteht, dass er durch ausbeuterische, unterdrückerische Systeme sich selbst entfremdet ist, und dass eine Revolution der Verhältnisse schon den neuen Menschen hervorbringen könnte. Denn das angesprochene tiefste Problem, die Sündhaftigkeit des Menschen, und zwar jedes einzelnen wirtschaftlichen Akteurs, ist damit in keiner Weise gelöst.

    In diesem Wissen gibt die Bibel, das Wort Gottes, keine allgemeinen Belehrungen über den Zustand der Welt und deren Verbesserung, sondern setzt ganz persönlich an: „Du bist der Mensch!“ Der Einzelne wird angesprochen und herausgefordert. Und wiederum, im Wissen um das Wesen des Menschen, wird auch tiefer gedrungen als nur bis zum gerechten oder ungerechten Tun des Einzelnen. Die Bibel spricht unsere tiefsten Haltungen und Einstellungen an, unser Innerstes, das, was in biblischer Sprache das „Herz“ genannt wird (1Tim 6,10 EIN: Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet). Und Jesus selbst sagt die folgenden Worte: Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon (Mt 6,24 EIN).

    Die Loyalität von Christen muss klar, ungeteilt sein. Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr! Es kann und soll genutzt werden, aber man darf dadurch nicht korrumpiert werden. Es darf im Leben keinen zu großen Stellenwert bekommen, und schon gar nicht zum Götzen, zum Lebensinhalt, zum Lebensziel, werden. Christen sollen nach Paulus „haben, als ob sie nicht hätten“, müssen loslassen können, eine innere Distanz zum Besitz bewahren, und ihr Vertrauen nicht auf die Güter, sondern auf Gott setzen.

    Wenn diese Grundhaltung stimmt, wird der Mensch befreit zum rechten, richtigen Umgang mit Vermögen. Dann kann er auch dieser „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ gerecht werden und in rechter Verwalterschaft mit und nach seinem Vermögen dem Nächsten dienen.
    Das bedeutet nicht, dass es im wirtschaftlichen Leben immer nur auf den Einzelnen ankommt. Es gibt in der Tat ungerechte Systeme und Mechanismen, sozusagen „strukturelle Sünde“, institutionalisierte Ungerechtigkeit. Auch hier haben Christen eine Verantwortung, sind gerufen, sich für die Veränderung der Verhältnisse einzusetzen. Aber es ist nicht immer leicht, zu erkennen, wo Strukturen ungerecht werden, wo die Grenze zwischen Recht und Unrecht überschritten ist. Und auch hinter solchen Strukturen stecken Menschen, die sie geschaffen haben, die sie erhalten wollen, die durch sie profitieren. Streng genommen sind nicht Strukturen sündig, sondern sie sind von sündigen Menschen erdachte Mechanismen, um dem eigenen Vorteil zu dienen. Und sie können auch nur beseitigt werden, wenn ihre Schöpfer und/oder Erhalter zur Veränderung bewegt werden.

    Für den individuellen Umgang von Christen mit ihrem Geld und Vermögen ist es unmöglich, genaue Anleitungen zu geben – jeder ist damit Gott und seinem Gewissen gegenüber verantwortlich, und was für den einen möglich und richtig ist, muss es nicht für den anderen sein, zu verschieden sind Lebenssituationen, Umstände und Verhältnisse. Dennoch sollen einige Fragen an den Schluss gestellt werden, die dazu helfen können, den persönlichen Umgang mit dem Besitz zu überprüfen und eventuell zu ändern:

    • Gehe ich verantwortlich/bescheiden/angemessen mit dem Vermögen um, das mir anvertraut ist?
    • Freue ich mich über das „Vermögen“, mit meinen Mitteln Gutes zu tun?
    • Stimmt die Relation meiner Ausgaben für Grundbedürfnisse (Ernährung, Unterkunft, Kleidung)
    • Kultur, Freizeit, Medien
    • Auto, Urlaub, Luxusartikel
    • Wohltätigkeit, Mission?
    • Und vor allem und zuletzt: Woran hängt mein Herz, wem vertraue ich, wem diene ich, wofür lebe ich?

    Ein Pauluszitat sei ans Ende gestellt: 1 Tim 6,1 EIN: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen.
  • Wirtschaftskrise
    Wirtschaftskrise – Woher-Warum-Wohin?

    Gloria Buttinger

    Die uns derzeit beschäftigende Wirtschaftskrise kam nicht so überraschend, wie es vielen erschien. Sie hatte seit den 80er Jahren schon viele Vorgänger. Neu ist allerdings, dass sie sich nicht auf einen Staat oder eine Region beschränkt, sondern die gesamte Weltwirtschaft betrifft.

    Die Voraussetzungen für die Wiederholung einer weltweiten Wirtschaftskrise schufen die Änderungen vor allem im Bereich des Finanzwirtschaftssystems seit den 70er Jahren. Das feste Wechselkurssystem nach Bretton Woods wurde abgeschafft und damit hohe Gewinne und Risiken mit Währungsspekulationen ermöglicht. Gleichzeitig wurde durch die Aufgabe der Kapitalverkehrskontrolle den Staaten die Möglichkeit entzogen, auf die Zu- und Abflüsse von Kapital Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig erhöhte sich das Kapital, das institutionellen Anlegern wie Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds, Private Equity Fonds u.ä. zum Investieren zur Verfügung stand von 1980 bis 2005 um nahezu das 20-Fache. Ziel dieser Fonds wurde es immer mehr, möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften, die wesentlich über den von der Realwirtschaft zu erwirtschaftenden ca. fünf Prozent lagen. Sie investierten daher nicht mehr in Aktien um eine Dividende zu erhalten, sondern zielten auf kurzfristige Wertsteigerungen von Aktien und spekulative Finanzgeschäfte ab. Spekulative Finanzgeschäfte entwickelten sich zum Hauptumsatz an den Börsen und koppelten sich immer mehr von der Realwirtschaft ab.

    Die Krise des US-amerikanischen Immobilienmarktes 2007 blieb deshalb nicht auf die USA beschränkt, weil die US-Banken ihre risikoreichen Kredite durch Verkauf an Investmentagenturen und ihre Umgestaltung in hochkomplexe Anleihe- und Fondsprodukte auf Anleger in der ganzen Welt verteilt hatten. Viele Banken hatten plötzlich hohe Abschreibungen für nahezu wertlose Papiere und Kredite vorzunehmen, was auch die eigentlichen Bankaktien an den Börsen abstürzen ließ. Da nicht genau abzusehen war, wer welches Risiko hatte, wie kreditwürdig einzelne Bankunternehmen noch waren usw., kam es nahezu zum Erliegen des Zwischenbankverkehrs und damit auch zu einer Krise für die Realwirtschaft, die auf Kredite von den Banken zur Finanzierung des laufenden Geschäfts angewiesen sind. Die Krise bei den Banken führte zu einer Abwärtsspirale auf den Aktienmärkten, die sich auch auf andere Branchen ausweitete.

    Die Krise auf den Aktienmärkten und Kapitalmärkten hatte schlussendlich eine starke Auswirkung auf die Realwirtschaft, da Firmen große Schwierigkeiten hatten Finanzmittel zu bekommen, und damit die Investitionen zurückgingen bzw. auch Aufträge nicht abgewickelt werden konnten. Da unser gesamtes Wirtschaftssystem auf Wachstum und in den letzten Jahren immer mehr auf STARKES Wachstum ausgelegt ist, wurden bei einem rückläufigen Wachstum natürlich sofort auch alle Produktionskapazitäten zurückgefahren. Auch hier setze sich eine Abwärtsspirale in Gang.

    Von den einzelnen Staaten, allen voran den USA, wurden riesige Summen an Kapital und Kapitalgarantien aufgebracht, um einen völligen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Die steigenden Arbeitslosenzahlen und Sozialausgaben sowie der Rückgang der Staatseinnahmen durch sinkende Lohnnebenkosten und Steuereinnahmen erhöhen die Staatsdefizite zusätzlich.

    Zukunftsszenarien sind verschiedene möglich. Was sicher kommt, ist, dass die meisten Staaten nach dieser Krise mit hohen Defiziten zu kämpfen haben werden, die finanziert werden müssen. Auf welche Weise man diese Beträge in Zukunft finanzieren wird, wird bald zur Diskussion stehen.

    Am unwahrscheinlichsten erscheint mir derzeit ein Zukunftsszenario, in dem es gelingt ein gerechtes Wirtschaftssystem aufzubauen, in dem die Schere zwischen den Entwicklungsländern und den Industrienationen sowie auch zwischen den Reichen und Armen in den einzelnen Staaten nicht weiter auseinander geht, sondern kleiner wird. Die am G20-Gipfel im März beschlossenen Maßnahmen zur Überwachung der Finanzmärkte reichen dazu sicher nicht aus, und es gibt wesentliche Kräfte, die an mehr nicht interessiert sind.

    Auch wenn das Finanzsystem etwas stärker reguliert wird, aber es zu keiner grundsätzlichen Umorientierung im wirtschaftlichen Denken kommt, werden die Folgen auf lange Sicht dieselben sein wie mit geringerer Regulierung, nur vielleicht nicht so stark und so schnell kommen. Diese Krise wird zwar vielleicht überwunden werden, aber die nächsten werden folgen. Irgendwann werden dann auch einzelne Staaten am Ende ihres Finanzrahmens angekommen sein und nicht einmal ihre Kernkompetenzen an staatlicher Ordnung mehr wahrnehmen können.

    Man könnte eine Vielzahl an düsteren Prognosen treffen, aber dies soll nicht unser Ziel sein, obwohl wir für die Zeichen unsere Zeit nicht blind sein sollen. Als Christen brauchen wir uns nicht zu fürchten. Aber unsere eindeutige Aufgabe ist es, für unser Land und unsere Regierungen zu beten sowie an dem Platz an dem wir stehen, Gottes Reich zu bauen und seine Gerechtigkeit sichtbar zu machen.
  • "Europa oder der Tod!"

    "Europa oder der Tod!"



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    antwortete der Mann aus Algerien auf die Frage, ob er nicht besser zurückgehen wolle, als er vor sechs Meter hohen Stacheldrahtzäunen stand, die die „Festung Europa“ in Ceuta (spanische Enklave auf dem Festland Marokkos) vor illegalen Einwanderern absichern soll (Milborn 2006:41).

    “In Algerien gibt es nichts, nichts, nichts. Bevor ich zurückgehe, sterbe ich! Ich will arbeiten, eine Familie gründen, eine kleine Wohnung haben und genug zu essen. Sonst nichts. … Das schwöre ich – für mich heißt es: Europa – oder der Tod!”

    Mit dieser oder einer ähnlichen Einstellung machen sich jährlich tausende von Menschen aus Krisengebieten dieser Welt auf, um ein neues Leben in Europa zu suchen. Wenn sie die gefährliche Reise überleben, beginnt für sie ein sehr langer Weg auf der Suche nach Asyl und einer neuen Heimat. 

    Österreich hat schon eine lange Tradition als Einwanderungsland. Jährlich werden nach wie vor zwischen 15.000 und 25.000 neue Asylanträge gestellt. Durch zunehmende Krisenherde, aber auch durch den Klimawandel, bewegen sich ganze Flüchtlingsströme nach Europa.

    Laut Angaben von UNHCR befanden sich Ende 2005 20,8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, und das Innenministerium in Libyen schätzt, dass „zwei Millionen Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara auf die Überfahrt [nach Europa, P.B.] warten“, schreibt Milborn (:24). So ist die Flüchtlingsthematik nahezu ein alltägliches Thema in den europäischen Medien und eine Polarisierung in der Gesellschaft nimmt stark zu. Auch politische Parteien heizen die Angst vor Überfremdung oder Islamisierung an.

    Auf der anderen Seite aber sagen selbst Politiker, „dass eine wachsende Wirtschaft, ein starker Tourismus und sichere Pensionen ohne Zuwanderung in Zukunft nicht zu gewährleisten sind“ (LH-Stv. von Tirol Fr. Zanon in der TT am 30.11.2007).

    Für den Flüchtling selbst bedeutet der Weg, im Westen eine neue Lebensgrundlage zu finden, eine weitere menschliche Tragödie, denn eine restriktive Ausländerpolitik, gesellschaftliche Polarisierung und Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit nehmen immer mehr zu. Die Würde, als von Gott geschaffene Menschen leben zu können, finden Flüchtlinge nur äußerst selten im christlichen Abendland.

    Wo aber stehen die Christen, die dem Wort Gottes verpflichtet leben möchten, bei dieser gesellschaftlichen Herausforderung? Wie reagieren christliche Gemeinden in Österreich auf diese humanitäre Katastrophe in unserer unmittelbaren Nachbarschaft? Ist es ein Auftrag Gottes, hier aktiv zu sein, oder lenkt uns diese bodenlose Not und Ohnmacht von unserem eigentlichen Auftrag ab? Kann ich oder eine Gemeinschaft überhaupt etwas tun?

    Mit freundlicher Genehmigung aus der Abschlussarbeit von Peter F. Biber „Flüchtlingsströme – diakonischer Auftrag am Beispiel der Evangelikalen in Tirol“, durchgeführt am Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW), Josefstr. 206, CH 8005 Zürich,  Schweiz.

    Literaturzitat aus: Milborn, Corinna: Gestürmte Festung Europa – Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto – Das Schwarzbuch. Wien-Graz-Klagenfurt: Styria-Verlag, 2006.

  • Auszug aus der Lausanner Verpflichtung (1974)
    Soziale Verantwortung der Christen

    Wir bekräftigen, dass Gott zugleich Schöpfer und Richter aller Menschen ist. Wir müssen deshalb Seine Sorge um Gerechtigkeit und Versöhnung in der ganzen menschlichen Gesellschaft teilen. Sie zielt auf die Befreiung der Menschen von jeder Art von Unterdrückung. Da die Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, besitzt jedermann, ungeachtet seiner Rasse, Religion, Farbe, Kultur, Klasse, seines Geschlechts oder Alters, eine angeborene Würde. Darum soll er nicht ausgebeutet, sondern anerkannt und gefördert werden.

    Wir tun Buße für dieses unser Versäumnis und dafür, dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben. Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil.

    Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören. Denn beide sind notwendige Ausdrucksformen unserer Lehre von Gott und dem Menschen, unserer Liebe zum Nächsten und unserem Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Die Botschaft des Heils schließt eine Botschaft des Gerichts über jede Form der Entfremdung, Unterdrückung und Diskriminierung ein. Wir sollen uns nicht scheuen, Bosheit und Unrecht anzuprangern, wo immer sie existieren. Wenn Menschen Christus annehmen, kommen sie durch Wiedergeburt in Sein Reich. Sie müssen versuchen, Seine Gerechtigkeit nicht nur darzustellen, sondern sie inmitten einer ungerechten Welt auch auszubreiten.

    Das Heil, das wir für uns beanspruchen, soll uns in unserer gesamten persönlichen und sozialen Verantwortung verändern. Glaube ohne Werke ist tot.

    Entnommen aus:
    Die Lausanner Verpflichtung, Pkt.5. Lausanner Bewegung Deutschland.

    Den gesamten Text der Lausanner Verpflichtung können Sie hier herunterladen.

  • URGENT: One of us - Europäische Unterschriftenaktion
    Kurzinfo der Lebenskonferenz:

    Bürgerinitiative One of Us (Einer von uns) - für den Respekt vor dem Leben in Europa

    Im Herbst 2011 fällte der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein beachtliches Urteil. Er entschied im Streit Brüstle gegen Greenpeace gegen das Anliegen des Stammzellenforschers Dr. Oliver Brüstle. Der Forscher wollte embryonales Stammzellengewebe patentieren lassen. Das Gericht urteilte, die Patentierung verstoße gegen die Würde des Menschen, da es sich bei einem Embryo um menschliches Leben handle. Dieses Urteil ist von maßgeblicher Bedeutung.

    Die Europäische Bürgerinitiative (ein Bürgerbegehren auf europäischer Ebene) "One of Us" fordert von der EU jetzt die Konsequenzen aus diesem Urteil. So soll entsprechend dem Kohärenzprinzip jede der EU Institutionen verpflichtet werden die Würde des menschlichen Embryos zu schützen. Das konkrete Ziel von "One of Us" ist es, jegliche EU Finanzierung von Aktivitäten einzustellen, mit denen die Vernichtung menschlicher Embryonen einhergeht. Das betrifft besonders den Bereich der embryonalen Stammzellenforschung und der Entwicklungshilfe. Derzeit ist es nämlich so, dass die EU verschiedene Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit unterstützt, die Abtreibung ausdrücklich als Mittel der Gesundheitsvorsorge gutheißen und selbst durchführen.

    Im Zusammenhang mit der embryonalen Stammzellenforschung ist zudem der Umstand bedeutend, dass die ethisch unbedenklichen Alternativen dazu, nämlich die Behandlung von Krankheiten mit Stammzellen aus Nabelschnurblut oder adulten Stammzellen bisher zur Therapie von über 70 Krankheiten erfolgreich eingesetzt werden. Mit embryonalen Stammzellen ist das noch nicht gelungen.

    Gemeinsam mit Menschen aus allen 27 EU Mitgliedsstaaten geht es nun um ein deutliches Votum, dass Handlungen, die die Vernichtung von Embryonen voraussetzten oder zur Folge haben, von europäischen Bürgern nicht gewollt sind. Für Österreich gibt es eine weitere Dimension: Für die kommende Nationalratswahl gilt es zu zeigen, dass Menschen, denen der Schutz jedes Mitglieds der menschlichen Familie ein Anliegen ist, politisch ernst genommen werden müssen.

    Auf www.oneofus.eu und www.lebenskonferenz.at können Sie die Bürgerinitiative elektronisch unterzeichnen. Bitte nehmen Sie auch die beigefügte Unterschriftenliste und lassen Freunde, Tanten und Onkel, Großeltern und Patenkinder unterschreiben. Wir brauchen jede einzelne Stimme!

    Die ausgefüllte Liste schicken Sie bitte bis spätestens 1. Mai an Martin Kugler, Kairos Consulting, Möllwaldplatz 5 in 1040 Wien. Bitte achten Sie darauf alle Angaben korrekt auszufüllen. Nur dann zählt die Unterschrift. Leider ist auch die Pass- oder Personalausweisnummer (inkl. Buchstabe vor der Nummer!) notwendig, da die Listen offizielle Dokumente sind und verifiziert werden müssen.

    Helfen Sie uns dabei mit Menschen aus der ganzen EU ein Zeichen für den Schutz des menschlichen Lebens zu setzen!

  • URGENT: EU-weite Steuer auf Börsenumsätze 'besser als nichts'
    (Das Anliegen wird am Ende auf den Punkt gebracht.)

    Schlechter als nichts

    Leserbrief von Josef Riegler zu "EU-weite Steuer auf Börsenumsätze 'besser als nichts'", in "Der Standard" vom 24. 1. 2012

    Eine EU-weite Steuer auf Börsenumsätze AN STELLE einer EU-weiten Finanztrans-aktionssteuer wäre ein Schritt in die falsche Richtung. So wie schon bei den Regelwerken von "Basel-II" und "Basel-III" würden wieder jene Bereiche der Finanzwirtschaft benachteiligt, welche sich der ursächlichen Aufgabe von Banken widmen, nämlich für die Finanzierung der produzierenden Wirtschaft zu sorgen.

    Der "spekulative" Sektor käme wieder ungeschoren davon, denn die "giftigen" bis "hochgiftigen" Geschäfte der Spekulation werden bekanntlich außerhalb der Börsen "OVER THE COUNTER" abgewickelt.

    Es ist für mich höchst alarmierend, wenn Herr Philipp Rösler, FDP, als Juniorpartner der deutschen Regierung - in der Meinungsforschung kaum noch wahrnehmbar - die Macht hat, um den Zug EU in die falsche Richtung zu steuern.

    Ich frage mich, wie lange sich sowohl in der EU wie auch auf globaler Ebene Regierungen und Staaten wie der Hase von den "Igeln" Ratingagenturen und Investmentbankern zu Tode hetzen lassen? "Das Monster ist außer Kontrolle geraten", sagte der damalige deutsche Bundespräsident vor exakt vier Jahren. Im September 2008 platzte die Bombe und zwang die Staaten zu einem sprunghaften Anstieg der Staatsschulden, um die Finanzwirtschaft zu retten. Dafür werden sie nun "abgestraft".

    Was ist aus denn hehren Ankündigungen der "G-20" vom Frühjahr 2009 geworden? Wann werden Regierungen endlich erkennen, dass nationalstaatliche Egoismen und Tricksereien letztlich für alle kontraproduktiv sind?
    Dabei würde es genügen, GEMEINSAM auf globaler Ebene einige Pflöcke einzuschlagen, um sich aus dem Dilemma des Zauberlehrlings zu befreien. Ich nenne nur einige Beispiele:

    1. Eine WELTWEITE Abgabe auf Kapitaltransfers, die man dann in einer Höhe festsetzen könnte, dass exzessive Spekulation unwirtschaftlich und die Geldveranlagung in Produktion, Infrastruktur, Forschung, Entwicklung etc. attraktiver wird als Spekulation um der Spekulation willen. Die Überwindung der durch die spekulative Finanzwirtschaft ausgelösten Schuldenproblematik und die Finanzierung dringender globaler Aufgaben wäre ein willkommener Zusatznutzen.

    2. Das "Trockenlegen" aller Steueroasen als Fluchtpunkte für Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung und Geldwäsche kann nur in gemeinsamer Anstrengung aller Staaten gelingen. Wann werden Regierungen endlich begreifen, dass hunderte Milliarden an Dollars und Euros an Steuerausfall nicht tolerierbar sind und für die Innenpolitik zum politischen Sprengstoff werden?

    3. Wann raffen sich Regierungen - vor allem innerhalb er EU - endlich dazu auf, um der Allmacht des Oligopols von 3 profitorientierten US-Ratingagenturen Schranken zu setzen, indem die Staaten in ihrer Finanzierung aus der Doppelmühle von Down Rating und Wucherzinsen befreit werden - beispielsweise durch gemeinsame Eurobonds, einen Europäischen Währungsfonds und überhaupt eine Relativierung der Ratings für Veranlagungsentscheidungen?

    4. Wann werden Regierungen, Parlamente und die globalen Institutionen dafür sorgen, dass explizit destruktive Spekulation mit Finanzprodukten, vor allem aber auch mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Energie unterbunden werden kann?
    Jedenfalls zeigen die aktuellen Entwicklungen, wie dringend wir eine EU mit demokratischen, effizienten Entscheidungsstrukturen brauchen. Wer das nicht will, sollte sich verabschieden.

    Josef Riegler, Vizekanzler a.D.

    Quelle

    Dieser Leserbrief zeigt nach meiner Meinung die Empörung eines Insiders von Politik und Finanzwirtschaft über die derzeit laufenden Entwicklungen. Wen wundert da die Empörung der Menschen von „Occupy Wallstreet“, der Jugend in Madrid usw.?

    Ohne Gerechtigkeit kein Friede!

    Wenn europäische Großbanken wie die Deutsche Bank unverhohlen für Fonds werben und erklären, dass sie diese in Steueroasen wie Luxemburg oder Delaware (USA) anlegen und damit von Einkommensteuern befreit sind, dann wird Steuerhinterziehung als ganz normaler Weg hingestellt, meinem Staat das vorzuenthalten, „was dem Kaiser gehört“ (Mt.22,21).

    (Mehr zur zitierten Bank: deutsche_bank_factsheet.pdf)

    (Mehr über Steueroasen allgemein im Netzwerk Steuergerechtigkeit)

    Darum die Bitte, liebe Leserin, lieber Leser:

    Ermutige Politiker, die sich für eine gerechte Finanz- und Wirtschaftspolitik einsetzen, schreibe ihnen, danke ihnen, mache ihnen Mut....

    Bete für diese Politiker, aber auch für die, die gerade diesen Weg der Gerechtigkeit und des Teilens nicht wollen

    Hans-Peter Lang

Tab 2


Warum ein Forum Gesellschaftsverantwortung?



HansPLang160
Hans-Peter Lang, Koordinator des Forums

Den Mitgliedern des „Weges der Versöhnung“ ist bei aller Verschiedenheit der kirchlichen Gemeinschaften und Traditionen eine Sorge gemeinsam:

Die Sorge, dass sich die Gesellschaft Europas von heute und ihre politische Entwicklung auf einigen Gebieten immer weiter von den Grundwerten entfernt, die von den Geboten Gottes und von den Evangelien her vorgegeben sind.

Dazu kommt aber auch, dass viele Christen bereit sind, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag zu leisten zum Aufbau einer Gesellschaft, die sich diesen Geboten und christlichen Grundwerten verpflichtet weiß.

Wir möchten …

  • Bewusstsein schaffen für die Unverzichtbarkeit öffentlichen christlichen Engagements
  • Biblisch-christliche Leitlinien für das gesellschaftliche Leben aufzeigen
  • Mitmenschen von der sinnstiftenden und wegweisenden Kraft christlicher Ethik überzeugen
  • Die Humanität bedrohende gesellschaftliche Entwicklungen analysieren und Wege zu ihrer Überwindung aufzeigen
  • Christliche Initiativen in diesem Tätigkeitsbereich vernetzen und ihnen eine Plattform bieten
  • Dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft wieder zukunftsfähig und hoffnungsvoll wird.

Wir tun das, indem wir…

  • Christen in den verschiedenen Kirchen und Freikirchen motivieren, sich positiv an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen
  • In Publikationen, Gesprächen, Diskussionen, etc. aufzeigen, dass der Mensch durch den christlichen Glauben Maßstäbe dafür bekommt, wie das Leben gelingen kann
  • eine biblisch-christliche Sicht zu aktuellen Fragen und Herausforderungen medial verbreiten
  • an politische Entscheidungsträger appellieren, sich bei ihren Entscheidungen tatsächlich am christlichen Menschenbild zu orientieren.

Nebenstehend finden Sie Beiträge, welche die Hintergründe unserer Arbeit und Verantwortung als Christen zu beleuchten versuchen.